onehourofwriting

Mein Raum zum Schreiben. Ob nun eine Stunde tägliches Schreiben, was ich ja jetzt schon fast mit diesem Blog erfülle, komplette Kurzgeschichten, Romanauszüge oder ähnliches. Es stammt aus meiner Feder.

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Gedanken zum Fotografieren [Auszug aus dem Fragment „Mein Nachbar im Niemandsland“]

„Das ist wie mit einem guten Foto. Ein gutes Foto braucht ein gutes Motiv, sonst kann es nichts aussagen. Keine Verbindung zum Betrachter herstellen.“ Zwei Tage waren vergangen. Zwei Tage endloser Fluggeräusche, Detonationen, Staubwolken und medialer Non-Stop-Schichten. Schlaf nur noch, um den Traum zu umzingeln, einzufangen und an das helle Tageslicht zu zerren.

„Ein gutes Foto ist die eine Sache. Der Betrachter die andere. Und dann kommt nur noch die Zeit. Und dann lange gar nichts.“ Am anderen Ende der Leitung setzt ein leises, sich wiederholendes Seufzen ein. Ein Resignieren über die Dinge an sich. So als ob mit dem vorherigen Satz das erste und letzte Wort zugleich gesprochen worden wäre. Als ob die Déjà Vus in diesem Leben nur wie die Linie sind, die man auf dem Weg in die nächste Runde überschreitet. Ein Weg, der einer Endlosschleife gleicht und jeder weitere Versuch einer anders ausfallenden Bestandsaufnahme der Quadratur des Kreises. Willkommen in der Realität oder dessen, was man dafür halten könnte.

Eine Vermutung schon an dieser Stelle: „Ich bin mal gespannt, wie lange es wohl dauern wird, bis Gott angeklagt wird.“ Leises Stutzen meinerseits. „Wie ich das meine? Ich meine gar nichts, aber ich warte auf Vorwürfe, auf Unverständnis, auf unbeantwortete Anrufe auf dem himmlischen Anrufbeantworter. Ich meine etwas wie: ‚Wie konnte er das nur zulassen?!’“

 

Etwas später, nach einer kurzen Pause.

 

„Ein gutes Foto, zeigt etwas, daß der Betrachter einordnen kann, daß er fassen, vielleicht sogar anfassen kann. Der Umstand einer Katastrophe, eines Unglücks an sich oder in der Gesamtheit seiner Existenz hat Grenzen, die der Betrachter oder Zuhörer schnell erreicht. Der Ausschnitt aus einer größeren Sache jedoch gibt etwas Preis, daß zugänglich ist. Es ist die Öffnung einer Geschichte, eines Einzelschicksals. Es erreicht den Betrachter. Es erreicht ihn, weil er sich dort selbst sieht oder sehen kann. Das ist es, was passiert, wenn ein Foto unser Erleben abbildet. Es zwingt uns, inne zu halten. Es ist eine Pause im Geschehen der Zeit. Es gibt zwar eine Vergangenheit und eine Zukunft, aber nicht auf dem Foto. Es bleibt im Augenblick gefangen, und nur der Betrachter entscheidet darüber, ob und wie lange er sich in das Gefängnis der Zeit begibt. Denn dieser eine Augenblick, diese bildgewordene Zeitaufnahme wird niemals ihre Wahrheit verlieren. Nur die Wirkung, die es erzeugt, wird niemals unabhängig von der Zeit sein. Das ist wie beim Fußball: entscheidend ist es immer, die Tore zum richtigen Zeitpunkt zu schießen. Dann gewinnt man das Spiel in jedem Fall.“

Die Psychologie dieser hohen und selten gänzlich zu steuernden Fußballkunst ist dieser Tage wieder gefragt. Wie sonst sollen Menschen noch mit dem erreicht werden, was sie erreichen sollte, was sie erreichen muß? Ich denke: ein Foto muß nicht nur gut sein, es braucht neben seiner ewigen Wahrheit auch einen guten Zeitpunkt der Betrachtung. Es braucht neben seiner ganz eigenen Macht noch die Verbündeten, die die Macht besitzen, …mehr als die Macht des Schicksals, zu dessen Meister wir uns mehr und mehr aufzuschwingen versuchen.

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Die zweite Haut

„[…] Um auf Nummer sicher zu gehen, fahre ich mit dem Schiff, nicht mit einer pendelnden Fähre. Ich überquere den Ozean, und damit das ganze nicht an Stimulation mangelt, bin ich an Bord eines mehr oder minder bunten Kreuzfahrtstahlkolosses gegangen. Auf in die neue Welt und kein Blick zurück. Die ausgerissenen Reste meines bisherigen Daseins röste ich über einem angemessenen Feuerchen an Deck, lasse sie abkühlen, fülle sie in einen angemessenen Behälter und zelebriere zu passender Zeit an der Reling den Gang der Ewigkeit. Kein Weg zurück. Der Wind trägt mein alter ego auf die Schaumkronen, in die Federn der umherfliegenden, kreischenden Möwen, in mein Haar und tief auf den Grund aller je gelebten Zeiten. Ende. Anfang.

Hier, in dieser kleinen Stadt auf dem Ozean, bekomme ich einen Vorgeschmack auf das, was möglich ist, auf das, was ich mir erhoffe, ich habe aufgehört zu träumen, aufgehört zu bangen, ich greife zu, ich bin gierig wie ein Raubtier und sanft wie eine Feder, ich bin, was die Situation erfordert. Ich bin jetzt hier. Kein Zweifel, nicht das geringste Zögern. Eben noch die Geburt im Hafen, jetzt schon die ersten Schritte auf den eigenen kleinen Beinen. Niemand nimmt mich bei der Hand. Keine Stützräder am Fahrrad. Stürze fange ich mit meiner Begeisterung, meiner immerjungen Physis ab. Ich spüre keinen Schmerz, nicht einmal in der Brust. Der Stahl gleitet durch die Wogen, reißt kurze Wunden, die sich brausend, fließend wieder schließen. Kein Klaffen, keine wahrnehmbaren Tränen, keine sichtbaren Narben. Die Haut an den beiden Seiten des Reisverschlusses wird mit einem leichten Aufwärtsschwung wieder aneinandergereiht. Diejenige darunter verschwindet, fällt ab. Ins Nichts. Die neue ist antiseptisch. Kein Anheften möglich. Auch nicht erwünscht. Auf dem Weg in die Fremdenlegion. Ich habe das Kommando. Ich gebe den Einsatzbefehl. Alles tanzt nach meiner Pfeife. Mein Lungenvolumen kann den ganzen Tag mit diesen schrillen Tönen füllen. Kurz und energisch oder lang und endlos. Kein Entkommen. […]

Die zweite Haut (PDF) [Kurzgeschichte]

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