Ein Land ist kein Unternehmen

Nach dem Laufen gestern Morgen sah ich auf meinem Handy in Facebook einen Artikel von der FAZ über das aktuelle USA-Wahlkampf-Phänomen Donald Trump:

Das Geheimnis des Trumpismus

Spontan musste ich dann dort einen Kommentar loswerden:

„Das scheint mir das selbe zu sein wie mit stillen Verehrern von #Putin. Die mehr oder weniger geheime Bewunderung von mehr oder weniger erfolgreichen Männern, die sich einen Dreck um Regeln scheren und den Eindruck vermitteln, sie könnten einen – ziemlich großen – Laden führen. Wenn man sehen will, wohin es führt, wenn das Volk glaubt, ein Milliardär könne ein Land so führen wie seine Unternehmen, der möge nach Italien schauen. #Berlusconi #Trump

Fazit: No, thanks!“

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Alsterrunde, Kernerschmelze und iPad-Gelüste

Was verbinden Sie mit dem Begriff Frauenpower? Zum Beginn meiner Runde um die Außenalster heute morgen um Viertel vor Neun war es für mich jedenfalls noch etwas anderes als danach.

Ich war mehr als vier Wochen nicht gelaufen und hatte eine Zeit von etwa 40 Minuten für die siebeneinhalb Kilometer angesetzt. Alles passte perfekt zusammen: Neue Laufschuhe, Wetter noch stabil für ca. 45 Minuten, ausgeschlafen, Riesenmotivation und scheinbar ausreichend getrunken. Letzteres sollte sich als Trugschluss erweisen.

30 Sekunde nach dem Start traf ich meine Laufpartnerin, mit der ich seit 18 Monaten keine Runde mehr zustande bekommen habe. Entsprechend groß war das Hallo. Sie war allerdings schon mehr oder weniger fertig. Gemeinsames Laufen in zwei Wochen fest vorgenommen…

Die Dame, deren Rückansicht dann schon in den ersten zehn Minuten nicht näher kommen wollte, nahm ich erst gar nicht war. Wenn ich länger nicht gejoggt bin, dann laufe ich zu Beginn in der Regel nicht wirklich langsam. Das geht dann ganz von selbst, denn durch Stress, Bewegungsmangel und unerledigte Dinge, hat sich zu viel in mir aufgestaut. Jetzt kann ich es in Bewegung umsetzen.

To cut a long story short: Ich war dann direkt hinter ihr, und wollte mich einfach nur von ihr ziehen lassen, doch kaum hatte ich sie erreicht, mussten wir jemanden überholen. Dabei blickte sie sich kurz um, sah mich – und gab Gas. Und zwar richtig. Nach dem Atlantic gab ich es auf. Wozu auch? Sie war fit wie ein Turnschuh und ich lief über meinen Tagesverhältnisen. Jedenfalls: Respekt! Und gespannt sein auf ein erneutes Aufeinandertreffen.

Etwas später, etwa auf Höhe meines Lieblingsbürogebäudes mit der hübschen Adresse An der Alster 1, kamen mir Herr Kerner und seine Frau entgegen. Als Menschen kenne ich ihn nicht, und kann seine Qualitäten nicht beurteilen. Als Moderator ist er aufgrund seiner mangelnden Authentizität für mich schwer zu ertragen. Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Sein sinkender Stern am deutschen TV-Himmel, falls er jemals mit echtem Licht geleuchtet haben sollte, ist ja schon so beiläufig normal, dass ich mich nicht mal mehr über seinen eher steinernen, angestrengten, wenn nicht gar verhärmten Gesichtsausdruck schon gewundert habe.

Ich würde ihm wünschen, dass der ausbleibende Erfolg bei ihm zu einem Umdenken führt. Weniger ist mehr. Wobei: Was ist Erfolg im TV? Nur die hohe Einschaltquote? Vielleicht ist die Frage nicht exakt. Was ist dauerhafter Erfolg im TV, den er ja scheinbar hatte? Sicherlich schwer erreichbar auf der Basis von inflationärer Bildschirmpräsenz. Aber das verpassen ja die meisten. Warum eigentlich? Wegen der vermeintlichen Chancen, des Geldes oder der eigenen Eitelkeit?

Ich habe ernsthaft kurz gezögert und überlegt, ihn anzusprechen. Hat so ein Mensch eigentlich einen Berater und hat so ein Berater einen Plan, eine Linie, die über den nächsten Werbevertrag hinaus geht? Die Nachhaltigkeit – leider ein inflationär benutztes Wort – des eigenen (TV-)Auftritts scheint mir jedenfalls von keinem der Beteiligten bedacht, kalkuliert oder analysiert worden zu sein. Aber wer weiß, vielleicht überrascht er uns ja alle, und wir erleben in Zukunft den „wahren“ Kerner.

Schlimmer als der Spott, den er seitens der Titanic kurz nach den Ereignissen in Japan erfuhr, geht es wohl bald kaum noch. Andererseits – Ehre, wem Ehre gebührt, und Neid muss man sich hart erarbeiten! Hat die Kernerschmelze schon ihr Endstadium erreicht?

Im Auto wartete etwas zu trinken auf mich, und der Liter war in 30 Sekunden in mir verschwunden. Die unnatürliche Gesichtsfarbe, wie meine Freundin es ausdrückte, war dann allerdings auch noch nicht verschwunden, als ich 15 Minuten später wieder zu Hause ankam.

Die Badewanne verlangt nun von Minute zu Minute lauter nach ihrem Einsatz. Zuvor griff ich noch kurz zum Telefonhörer, um meinen Freund anzurufen, der sich gestern das vor vier Wochen bestellte iPad abholen durfte. Am Vormittag war es noch nicht im Laden eingetroffen, doch der Nachmittag brachte dort einen weiteren Besuchvon DHL. Gestern Abend lag es noch unausgepackt auf seinem Wohnzimmertisch, heute morgen war das „Unpacking Event of the Year“ (so hatte es der Verkäufer im Februar beim Öffnen meiner iPhone-Verpackung genannt) bereits vollzogen – mehr aber nicht, denn Geburtstag ist erst in vier Wochen. Grins.

Ich musste mir bereits vor einigen Tagen eingestehen, dass ich mittlerweile auch gerne eins hätte. Dann bräuchten wir allerdings abends ein Losverfahren, um herauszufinden, wer es zuerst benutzen darf. Fest steht nur eins: weiß wird es nicht sein. Die Farbe reicht mir heute auf der Fahne, die ich am Atlantic beim Laufen geschwenkt habe.

Übrigens habe ich am Ende vierunddreißigeinhalb Minuten gebraucht.

33 minus 5

Minuten. Sie vergingen gestern Abend wie im Flug. Zur Abwechslung mal ohne Musik im Ohr hatte ich meine Alsterrunde absolviert, nein, war vielmehr herumgeprescht – wie von einem Sog gezogen, der mir unwirklich und anstrengend vorkam. Anstrengend mehr für den Kopf, als für den Körper.

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Zwischenzeitlich sah es nach 31 Minuten aus. Ich achtete auf die Atmung wie schon seit Urzeiten nicht mehr. Die Zeit war nebensächlich – und auch nicht.

Auf einer Bank am Westufer, nicht weit von der Krugkoppelbrücke entfernt, saß ich anschließend und fragte mich, was ich auf der anderen Seite in der Dämmerung sehe. Fragte mich, was ich gerade spüre. Langsam kam ich so in das Bild und meine Umwelt hinein, denn dass ich mich wie ein Getriebener in den davorliegenden 40 Minuten gefühlt hatte, war wohl nicht zufällig so. Dampf ablassen lautete die Devise – und dazu ist das Laufen immer gut.

Meine Gedanken tasteten sich langsam in Richtung Juni 1992. Das ist nach meiner Erinnerung mein erster Lauf um die Alster, und damals stand am Ende die Zahl 28. Schwer zu glauben, und mit dem Gefühl von gestern Abend, triefend nass auf der Bank sitzend, noch schwerer zu glauben. Ich möchte nicht dorthin zurück, mal abgesehen von der Regenerationsfähigkeit von damals, aber ich möchte unter die 30. Dieses Jahr noch.

Egal, ob getrieben, entspannt, bewußt oder zahlenfixiert. Ziele braucht der Mensch, auch kleine, scheinbar unwichtige.

Die Zeit läuft.