Am Feenteich, Teil1 (Selber kochen schmeckt am besten)

Böse Zungen behaupten, dass jede Geschichte, die ich erzähle, irgendetwas mit Essen zu tun hat. Nun ja, die Wahrheit liegt ja bekanntlich in der Mitte und ohne Essen geht es nun mal nicht…

Im Keller des Hauses Am Feenteich bot sich dem Betrachter folgendes Bild: In einem Raum, der mit Nussbaumholz ausgelegt war, stand eine spielbereite Tischtennisplatte, ein hellblau angemaltes Puppenhaus, es lagen in einem Netz circa zehn Fußbälle aus einer Zeit als sie noch Tango und Rosario hießen, und ein ein Meter breites Aquarium brachte Ruhe und Bewegung zugleich in dieses Refugium. Ein Original-Poster von Der Spion, der mich liebte wachte ebenso über die Fische, wie der Mann, der an der weißen Schreibtischplatte saß und mit einem geübten Vier-Finger-System in die Olympia hackte, die vor ihm stand und als Bedrohung und Verheißung existierte.

Was wissen wir über diesen Menschen? Was müssen, was wollen wir wissen? Die Illusion, gefragt zu werden, muss ich jetzt gleichsam wieder einkassieren. Wir werden nicht gefragt. Wir werden fortan nur noch gezwungen. Mit etwas Glück auch zu selbigem, aber das ist nicht der Sinn der Sache.

Wenn ich Ihnen jetzt verrate, dass der Mann an der Schreibmaschine, gerade am Lauf der Geschichte mitschreibt, dann ist das ziemlich hoch gegriffen, aber auch noch reichlich untertrieben. Wollen Sie wirklich wissen, was in seinem kranken Kopf vor sich geht? Natürlich wollen Sie das, sonst hätten Sie schon mit dem Lesen aufgehört. Was hat er für eine Stimme und warum ist das wichtig? Welche Sprache spricht er, in welcher denkt und träumt er?

Vieles spricht dafür, dass hier unten ein deutscher Staatsbürger seinen Dienst verrichtet. Was hat er von der Welt gesehen und wie kommen wir dazu ihm diese Geschichte anzuvertrauen? Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, Johannes Springer habe diesen Raum seit Jahren nicht verlassen. Angekettet bei einfacher Nahrung könnte er den Manuskriptstapel zu seiner rechten unablässig erhöht haben, unterbrochen nur von Tätigkeiten profaner menschlicher Existenz. Johannes litt unter einer Verdauungsstörung, die der Arzt der Familie einmal als angeboren krankhaft bezeichnet hatte. Getrieben von der Angst, beim Geschlechtsakt die Kontrolle über den eigenen Schließmuskel zu verlieren, konnte er seit Jahren nur noch auf der Toilette Sex praktizieren. Kalten, kalkulierbaren Geschlechtsverkehr in einem Badezimmer mit Fußbodenheizung, einer Mini-Bar, einem Whirlpool und einem kleinen TV-Gerät. Überflüssig zu erwähnen, dass Johannes dabei stets unten saß.

Er stellte dieses Prozedere schon sehr lange nicht mehr in Frage, allerdings litt er mehr oder weniger deutlich an der Einschränkung der Beischlaf-Stellungen auf das gerade noch erträgliche Minimum. Neben der Toilette lagen mindestens immer zwei frische Paar Socken. Eine Erinnerung an kalte Fußböden seines Lebens und die Kacheln, die er in regelmäßigen Abständen auf seinem Rücken spürte, unterbrochen nur von den Fugen, die höchstens dazu geeignet waren, ein Muster in den Irrsinn seiner Existenz zu bringen. In seinen ganz normalen Wahnsinn, den er verzweifelt versuchte auszuleben.

Was waren das für Frauen, die er auf dieser Toilette liebte? Die einzig wiederkehrende war eine schwarzarbeitende Putzfrau aus Kolumbien, deren Körper er spielen konnte wie ein Instrument, von der aber nicht zu sagen war, ob sie mehr Mitleid mit ihm hatte oder umgekehrt. Sie war ein stiller Mensch mit gewissen körperlichen Vorzügen. Die Fee, die Johannes sich als Kind immer wieder herbeigewünscht hatte, vielleicht war sie nun da, geboren in Cartagena, defloriert mit 13 Jahren von einem vermeintlichen Freund der Familie, der sich gerne Trophäen über den Kamin hängte und seine Bindungsunfähigkeit bevorzugt mit dem Einsatz von Drogen untermalte. Eine Fee ohne eine sauberes Kleid, ein Wesen aus den Niederungen der Wirklichkeit, deren Existenz außer für sich selbst und ihre Verwandten, die sie durch ihre Tätigkeit in Europa mit Geld versorgte, keinen tieferen Sinn darstellte. Die Gnade der Geburt ist ja nicht etwas, dessen man ungefragt die Dankbarkeit gegenüber entziehen kann, jedenfalls nicht ohne sich mit höheren Mächten anzulegen, die einen aber in schöner Regelmäßigkeit mit völliger Gleichgültigkeit bedenken.

Angst war im Leben dieser beiden Menschen ein Hauptdarsteller, und wie es den anderen Frauen im allgemeinen und auf der Kellertoilette im speziellen ging, ist nicht ganz klar. Abgesehen von klaren Willensäußerungen, körperlichen Gebärden und Lauten blieb nur noch das erhellende Gespräch, welches in schöner Regelmäßigkeit nicht stattfand. Johannes sprach nicht gerne, schon gar nicht über sich.

Spielte Geld eine Rolle? Wo tat es das nicht. Wahrscheinlich noch nicht einmal da, wo es reichlich vorhanden war, und man kann erahnen, dass letzteres hier der Fall war. Nun gut, das letzte Hemd hat keine Taschen – dennoch stopfen wir alles Erdenkliche hinein. Das ist nicht verwerflich, zumindest aber hinderlich. So bleibt zu viel vom kindlichen Erstaunen auf der Strecke und der Versuch der Erinnerung bleibt stecken im überfüllten Tunnel der Kontrolle, einem Tollhaus an Unterdrückung und Anpassung. Hier hilft auch keine Ingenieurskunst mehr weiter, sondern nur noch nackte Tatsachen – wenn überhaupt.

Lisa war 27 Jahre alt und arbeitete seit ihrem 15. Lebensjahr. Mit 14 hatte sie die Schule verlassen, mit 21 war sie nach Deutschland gekommen und empfand das Putzen als einen sicheren Hafen auf der Müllhalde, der ihr Leben bisher war.

Fortsetzung folgt.

Virus – Botschaft aus dem eigenen Universum

Die Tage an der frischen Luft konnte ich in den letzten zwei Wochen an einer Hand abzählen. Mein Körper hat komplett gestreikt und sich bis jetzt nicht entschieden, ob er weiter auf einer Lohnerhöhung besteht oder ihm weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ausreicht.

So las ich in den Tagen über Stille und suchte die Ruhe – doch vergeblich, weil der Körper keine gab. Alles in allem eine Frage der Erwartungshaltung. Wenn von 1000 Dingen, die man im Urlaub machen wollte, am Ende gar nichts übrig bleibt, dann ist das schon ziemlich gewöhnungsbedürftig. Andererseits schärft es den Blick für das Wesentliche. Nach Tagen von rein gar nichts bis kaum etwas, tastete ich mich erst an das Zeitungslesen heran und dann an das gute alte Buch. Jetzt habe ich immer noch 300 Seiten meines mexikanisch-chilenischen Schinkens vor mir und werde das vor der Rückkehr ins Büro auch nicht mehr schaffen.

Die Botschaft aus meinem Inneren ist jedenfalls bei mir angekommen, und ich habe mich auf den Weg gemacht. Ich werde über Hamburger Pflaster streifen und darüber berichten. Gewohnheiten kommen auf den Prüfstand – der Hut ist in den Ring geworfen. Doch der Alltag hat bereits sein gefräßiges Maul weit aufgerissen und ich kann das Schmatzen und Grunzen schon hören. Wenn es dann erstmal dazu reicht, häufiger als bisher Na und?! zu sagen, dann ist schon viel gewonnen.

Einen guten Start in das neue Jahr! Ein Jahr, dass – so sagt mir mein Gefühl – sehr schwierig werden wird, aber auch spannend und reich an Chancen. So wie jeder Tag.

Worum geht es nun also?

Als ich mich heute im Laufe eines früh beginnenden Sonntags – oder war es bereits gestern? – fragte, warum ich eigentlich bei all meiner grundsätzlichen „Abneigung“[*] gegenüber Twitter und Facebook diesen Blog betreibe – abgesehen vom Vergnügen an endlosen Sätzen wie diesem -, da kam mir in den Sinn, dass ich vielleicht mal wieder über meine ursprünglichen Motive nachdenken sollte, um diese Frage zu beantworten.

[* Die grundsätzliche Abneigung ist eher eine grundlegende Skepsis, die vor allem bedeutet, dass ich etwas nur mache, wenn ich es gut finde, und nicht etwa deshalb tue, weil (fast) alle es machen. Die grundsätzliche Abneigung ist gerade eher eine Abneigung, die sich aus einer (Über)Anstrengung aufgrund von Übermaß darstellt. Mir ist das alles zu viel, und ich kann nicht erkennen, wo das hinführen soll. Gewiß, niemand zwingt mich, das alles anzuschauen oder zu verarbeiten, aber allein die Vorstellung, was täglich an Datenmüll produziert wird, bringt mich nicht wirklich nach vorne.]

Schreiben wollte ich. Und (es) veröffentlichen. Doch die Öffentlichkeit suchte ich nicht, suche ich noch immer nicht. Ich wollte mir das Schreiben erhalten, und mich zum Schreiben bewegen, wenn nicht gar zwingen. Es sollte etwas eigenes sein – wie der Name schon verrät.

In der vergangenen Woche drehte sich ja alles mehr oder minder nur um WikiLeaks und vielleicht sollte sich jeder mal grundsätzlich überlegen, wie er/ sie es fände, wenn seine/ ihre Kontoauszüge oder ähnliches frei zugänglich im Netz auftauchten. Besser verstanden habe ich die Motive von Julian Assange erst nach der Lektüre eines Artikels in der SZ: Der Gegenverschwörer.

Wir verspeisen uns gerade selbst: Das was wir gut finden und haben wollen, geschieht auf Kosten anderer, und das, was wir kritisieren, befeuern wir selbst mit unserer (Neu)Gier. Teil der Maschine zu sein reicht irgendwann nicht mehr, und aus Prinzip gegen den Strom zu schwimmen geht bei Zeiten über die Kräfte und ist nicht minder „spießig“ als die angepassteste Konformität.

Und am Ende ist es so, wie ich es mir gedacht habe. Nur müssen dabei alle zusehen, zuhören oder mitlesen? Dies gilt auf wundersame Weise für meine Ausgangsfrage und auch für das Thema dieser Tage: Am Ende muss ich mich mit mir selbst auseinandersetzen. Das ist anstrengend, kann fürchterlich sein, tut mitunter weh, hört nie auf und ist doch mehr als nur reiner Selbstzweck.

Als ich meine Nichten heute Abend zu Bett brachte, fragte ich sie, was sie denn werden wollen. Tierärztin sagte die eine, Modedesignerin die zweite und die dritte, ja, sie wollte lieber nochmal eine Nacht darüber schlafen.

Was wir einmal werden wollten ändert sich im Lauf der Jahre in der Regel mehrfach und erlebnisbedingt. Was wir aber geworden sind, lässt sich nur noch mit größter Anstrengung korrigieren. Dabei ist alles einmal da gewesen und auch noch da, das ist mir heute Abend wieder klar geworden. Wenn der Rahmen auch gesteckt sein mag, über das Handeln bestimme ich doch immer noch selbst. Wenn ich denn weiß, wer ich bin oder es zumindest herausfinden möchte.

Hätte man die Antwort auf meine Frage nicht auch in einem Satz geben können?