Californication: Gewonnene und verlorene Zeit… und jeder Moment dazwischen

Tag 3 nach meiner Rückkehr aus Los Angeles und ja, es wird langsam besser, doch ist dieser Zustand namens Jetlag immer noch wie ein Geist in meinem Haus unterwegs. Ist das Aufwachen zur Unzeit gewonnene oder verlorene Zeit? Und vor allem: was ist mit all den Momenten dazwischen?

In dieser Nacht, die immer noch andauert, habe ich es immerhin schon mal auf drei Stunden Schlaf am Stück geschafft. Zwei Uhr irgendwas zeigte die Uhr, als ich vorhin aufwachte. Weiterschlafversuche scheiterten mehrfach und ich entschloss mich, vorübergehend aufzustehen. Was sollte ich auch tun? Mein Körper ist offensichtlich immer noch in Kalifornien und ich vermisse auch immer noch auf irritierte Weise das Rauschen des Meeres in Venice Beach, das ich jeden Abend als letztes und jeden Morgen als erstes im Schlafzimmer meiner Unterkunft lächelnd wahrnahm.

Venice Beach Dusk

Ins Wohnzimmer führte mich nun der Weg. Schnell war der Entschluss gefasst, die vor der Reise angefangene DVD Abenteur in Rio weiter zu sehen. Ich schaltete den Fernseher an und es ertönte Discomusik und Menschen auf einer Tanzfläche bewegten sich dazu. Schnell den Videotext befragt und bereits zuvor Sophie Marceau erkannt. Die nächsten 60 Minuten dann einen herrlich leichten französischen Liebesfilm gesehen, der mich mit der Frage zurück ließ, ob die Ewigkeit nicht sehr lang ist und was ich davon in jedem Moment meines Lebens habe?

Was ist Freiheit und erhalte ich sie nicht auch dadurch, dass ich immer mal wieder auf sie verzichte? Ist es normal, dass ich schon jetzt darüber nachdenke, wann und wie ich den nächsten Flug in die USA buche? Und ist es nicht grob fahrlässig, sperrangelweit geöffnete Türen nicht zu durchschreiten und neue Räume und Plätze zu betreten?

Nun gut. Schritt für Schritt. Was bewegt mich?

Etwas mehr Besinnung würde zunächst mal nicht schaden. Doch es ist so viel passiert in den letzten zwei Wochen. So vielen Menschen begegnet, so vieles Neues gesehen, so viele Horizonte gestreift – so viele Geschichten zu erzählen.

Über Los Angeles allein. Da könnte ich tagelang erzählen und schreiben. Mexiko war auch überragend. Ich bin ohne Koffer zurückgereist (eine Geschichte für sich). Und ich lerne weiter Spanisch. Wahrscheinlich mit mehr Motivation, als jemals zuvor. Es ist etwas beängstigend und teilweise schon fast surreal, wie sich Dinge fügen können, wenn man sich in Bewegung setzt. Und ich habe mich reichlich bewegt, vor allem in L.A. Jeden Tag Soccer gespielt. Auf Kunstrasen mit Joggingschuhen. El Alemán war plötzlich zurück in Kindheit und Jugend und ließ sich tragen von Entspanntheit, Wetter, Spieltrieb und Austoben. Die täglichen drei Spiele à 20 Minuten unter der Woche von 11.00 bis 13.00 Uhr vermisse ich wohl am meisten.

Unterwegs mit einem Fiat 500e, der stärker beschleunigt, als ein Porsche und mit seiner kaum vorhandenen Geräuschkulisse den Fahrtwind noch besser zur Geltung bringt. It never rains in California. Was ich bestätigen kann. Im untervermieteten Apartment eines Freundes dazu noch mein eigener Herr mit 200 Meter bis zum Pazifik. Also morgens als Aufwärmprogramm vorm Fußball etwas Joggen und dann direkt ins Meer. Traumhaft kann man das nicht mehr nennen, denn die tägliche Realität wird schnell zur Gewohnheit, die Entspanntheit der Menschen überträgt sich vom ersten Tag an auf das eigene Gemüt. Eile, was ist das? Meckern? Gibt’s hier nicht. Aufregen beim Autofahren – aus welchem Anlass? Way of life – als Leben an sich.

Baxter Street LA

In meinem Jura-Studium habe ich – leider viel zu spät – das Buch Juristische Methodenlehre von Frietjof Haft in die Finger bekommen, seines Zeichens Strafrechtler, aber (zuvor) auch Wirtschaftsinformatiker. Seine Einstellung gegenüber und Handhabung von (eigenen) Vorurteilen habe ich mir damals angeeignet. Aus Überzeugung. Er schrieb in etwa:

Sind wir doch mal ehrlich: Vorurteile hat jeder. Wer etwas anderes behauptet, der belügt sich selbst. Ich für meinen Teil halte es so: ab und an hole ich meine Vorurteile hervor und vergleiche sie mit den Vorurteilen der anderen, um zu sehen, ob meine noch gültig sind.

Was soll ich sagen: selten so viele Vorurteile ausgetauscht und gänzlich entsorgt, wie in den 5 Tagen in Los Angeles.

Am letzten Tag, vergangenen Freitag, strichen wir das dritte Spiel und verließen den Fußballplatz bereits kurz nach zwölf, um die verbleibenden 2 Stunden mit einer Fahrt durch Downtown L.A. und einem kurzen Stopp in Chinatown zu verbringen. Wow, what a ride! Der Running Gag des Tages war fortan: L.A. really sucks! No culture, bad food and lousy weather.

Two Umbrellas in Chinatown

Bis heute habe ich meine Eindrücke kaum sortieren, sondern lediglich in Instagram kanalisieren können. Wenn ich heute im Laufe des Tages die Fotos von der großen Kamera sichten und (aus)sortieren werde, komme ich dem Erlebten vermutlich noch mal etwas näher.

Schon am letzten Tag habe ich bewußt Flüge im November und Dezember gecheckt, um eine Idee für Kosten und Terminmöglichkeiten zu bekommen. Das war nicht surreal, sondern unausweichlich. Und vor allem: Vorfreude ist die schönste Freude. Die kann auch ein ausgewachsener Jetlag nicht trüben.

Welcher Moment oder welche Momente sind mir besonders in Erinnerung geblieben oder haben mich gefangen genommen?

Natürlich war ich etwas enttäuscht, dass ich in Venice nicht Hank Moody und Charlie Runkle getroffen habe, wo Hanks Wohnung doch nur 100 Meter Luftlinie von meiner entfernt lag. Diese passende Mischung von Fiktion und Realität sagt eigentlich alles. Hier war jedes meiner Lieblingsthemen auf so überragendem Niveau angesiedelt, dass es fast unmöglich ist, einen Favoriten herauszupicken: Fußball an sich, Essen an sich, Strand an sich, Wetter an sich, Atmosphäre an sich… Die Liste ist endlos. Und führt zwangsläufig zu Gedanken an einen Umzug hierher. Ups! So what! Way cool. :)))

Touch of Venice

Also weder gewonnene noch verlorene Zeit, sondern gelebte Zeit und lange Tage mit frühem Erwachen und spätem Einschlafen. Sehr intensiv. Vibrierend wie ein Sonnenuntergang und erfrischend wie die Brandung. Und die schlafgestörten Nächte in der Heimat – gewonnen oder verloren? Vielleicht einfach nur los- und freigelassen.

Just let go.

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