Eine Frage der Sicht

Letzten Freitag war ein Feiertag: Konzert der Editors im Docks In Hamburg. Monatelang drauf gefreut, gerade so noch im Juni (überteuerte) Karten ergattert, Lieblingslocation – was will man mehr an einem Freitagabend außer vielleicht einer guten Sicht?

Alles eine Frage des Blickwinkels.

Kaum waren wir drinnen, saßen wir auch schon in der Falle: nix Stempel, nix nochmal raus und wieder rein kommen. Der kleine Hunger musste also drinnen bleiben. Hab‘ mir dann trotzdem zwei Bierchen gegönnt und als ich etwas gedankenverloren im Seitenbereich gegenüber der Bar mit Blick auf den T-Shirtstand saß, rollte plötzlich ein Mann mit Sauerstoffmaske in seinem Rollstuhl an mir vorbei.

Docks_Editors

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Er mag etwa Ende 20, Anfang 30 gewesen sein und für einen Augenblick kam es mir vor, als ob die Musik sein Sauerstoff wäre. Seine Begleiterin sah etwas jünger aus und folgte ihm. Am Treppenabsatz, der in den Bereich vor dem Balkon führte machte er kehrt. Weder war der Zugang barrierefrei, noch gab es ein Durchkommen. Ein Schlauch führte zur Rückseite seines Gefährts und beherbergte eine kleine hellgrüne, blinkende Leuchtdiode.

Wie sollte er hier etwas sehen? Dazu müsste er zweifellos ganz nach vorne an die Bühne. Was wußte ich über das Leben dieses Mannes? Ich hatte Glück. War ich mir dessen bewußt? Offensichtlich nicht.

Oft neigen die Menschen dazu, immer auf das zu blicken, was sie nicht haben, statt sich auf das zu besinnen, was sie haben.

Fünf Minuten später war der junge Mann im Rollstuhl wieder aus meiner Wahrnehmung verschwunden und wir hatten einen Platz auf der linken Seite auf der Treppe gefunden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine bessere Sicht auf die Bühne in vergleichbarer Position gehabt zu haben.

War das noch wichtig?

Tom Smith und seine vier Kollegen legten los wie die Feuerwehr: „There’s Sugar on your soul…“. Alles perfekt: Licht, Setlist, Stimmung, Sicht. Da es aber in der Regel kein Konzert ohne verzichtbare Zeitgenossen gibt, wollen wir auch hier keine Ausnahme machen. Erstaunlicherweise empfand ich aber dieses Mal nur eine Art von Mitgefühl, denn es ist sicher schwer, nach außen hin eine so coole Haltung zu bewahren, wenn man innerlich so unsicher ist.

Das von rechts nach links wandernde Sichthindernis entpuppte sich auch noch als Bewegungsmuffel. Kaum eine Regung, außer Linksdrall, leicht gerecktem Kinn und ab und an einem Ansatz von Beifall.

Na und?! Ich sah ja etwas. Und ich hatte meinen Spaß. Um mich herum, vor allem auch an der gegenüberliegenden Seitenwand nur Begeisterung und deren Ausdruck.

Und irgendwo der Mann im Rollstuhl. Ich hatte ihn vergessen, aber er war doch noch bei mir. Und die Demut. Hier an diesem geselligen Ort, wo wir alle feiern wollten.

Die Musik. Und das Leben.

 

Nachtrag/Anmerkung:

Dem Autor geht es in diesem Beitrag um Wahrnehmung. Wahrnehmung von anderen Lebensrealitäten und Dankbarkeit für das eigene Leben. Beides nicht so selbstverständlich. Schon gar nicht in einem überfüllten Konzert. Es geht um Mitgefühl, nicht um Mitleid. Und es geht um eine Überprüfung der eigenen Sichtweisen.

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