Abschied

Jedes Ende ist auch der Anfang von etwas Neuem. Eine Ode an das Leben stellte ich mir eigentlich anders vor, doch nur im Abschied liegt der Wert der Dinge am rechten Fleck im Herzen.

Es ist schaurig schön, zu spüren wie lebendig man ist, wenn man geht oder gehen lassen muss. Die weit geöffneten Augen helfen dann, um nicht nur den Weg zu erkennen, sondern sorgen auch dafür, dass mit fortschreitender Zeit ein gerechter Blick aus dem richtigen Winkel auf die Dinge gelingt.

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Am Anfang fällt es schwer einen Weg zu erkennen – zu vertraut war der bisherige, und auf dem neuen sind anfangs nicht einmal die eigenen Füße zu sehen. So entwickelt sich langsam ein zartes Vertrauen zurück in den eigenen Gang und allmählich auch in den Gang der Welt, die man nun alleine bezeugen muss.

Tod ist der endgültige Abschied von einem Menschen, ohne dass man eine Wahl hat. Man bekommt keine zweite Chance in diesem Leben und kann froh sein, wenn man bis dahin seine Hausaufgaben gemacht hat. Anfang des Jahres ist mir der Tod so nahe gekommen, wie bisher noch nie. Der Mensch, vor dessen offenen Sarg ich stand, war zwar mit mir verbunden, jedoch standen wir uns nicht wirklich nah. Der Sog und die unfassbare Kraft des Endgültigen zog mich unweigerlich näher an ihn heran, um wenigstens ansatzweise die Möglichkeit zu haben, zu begreifen, was vor sich ging und in Zukunft nicht mehr möglich sein würde.

Ein ständiges Bewußtsein dafür, was man hat und wie gesegnet man in vielen Dingen – trotz Alltagsproblemen und Lasten aus der Vergangenheit – ist, ist kaum möglich, aber sich so oft wie möglich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist, hilft enorm. Es erdet, macht dankbar, lässt die Gegenwart zu und hilft dabei Unvermeidliches zu akzeptieren.

Abschied muss ich jetzt neu lernen und der Weg ist der gleiche, auch wenn jetzt alles anders ist. Keine gemeinsamen Rituale mehr, die kleinen Gesten werden nicht mehr gezeigt, die Ziele verschwimmen erstmal und das Leben hält erneut Einzug und zwingt zur Besinnung – mit Schmerz, Dankbarkeit, Fassungslosigkeit, Übelkeit, Herzklopfen und Aufregung. Ein Abenteuer im Abenteuer, ein Weg im Weg und die wertvolle Begegnung mit sich selbst.

Was ich heute noch nicht sehen oder fühlen kann, wächst vielleicht bereits am Wegesrand. Vielleicht vor oder hinter dem Horizont. Vielleicht bleibt das unerkannt, vielleicht führt der Weg daran vorbei. Bereits da ist der Wunsch, wieder zu teilen und gemeinsam zu (er)leben. Um ihn zu erfüllen, bleibt nur der ehrliche Blick auf den eigenen Weg und das Vertrauen auf offene Augen am Wegesrand.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, doch habe ich in meiner härtesten Prüfung gelernt, dass man die Hoffnung fahren lassen muss, damit Zuversicht einkehren und man sie auch erkennen kann.

Meine Augen sind heute Morgen sehr groß.

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