Zwei Monde – eine Welt?

Ich lese seit April 1Q84 (Buch 1 & 2) von Haruki Murakami. Als ich am Freitagabend auf der Autobahn Richtung Hannover den Mond entdeckte, der erst nur als schmaler horizontaler Schlitz sichtbar wurde, kurze Zeit später aber dann als kreisrundes Postkarten-Motiv, da fragte ich mich – mit Murakamis Buch im Hinterkopf -, in welcher Welt ich mich (gerade) befinde. In ein und derselben, in meiner eigenen oder in einer Zwischenwelt?

Das Buch von Murakami ist ohne Zweifel von überragender Qualität. Auch wenn ich es noch nicht beendet habe, und danach auch noch Buch 3 wartet, halte ich es schon jetzt für sein bestes. Alles ist noch mal auf einem höheren Niveau: Dialoge, Story, Erzählführung etc. Vor allem die Idee und das Konzept des Buches sind so zwingend, dass man mehr denn je in das Buch eintaucht und darin versinken kann.

Kleine Weisheit aus Haruki Murakamis „1Q84″ (Buch 1 & 2).

Auf der Fahrt war ich schon recht müde und die Stimmung war ganz klar von der Frage geprägt, ob der Aufwand, den ich gerade betrieb, in einem vernünftigen Verhältnis zu seinem Nutzen stand. Mit anderen Worten: Was mache ich hier eigentlich gerade?!

Ich war auf dem Weg nach Hannover, immer noch erkältet, hundemüde und etwas daran zweifelnd, ob der kleine Ausflug nicht kurzfristig meine Kräfte übersteigen könnte.

Wie ist es, in einer anderen, alternativen Welt zu leben oder wie wäre es gekommen, wenn man an einer Stelle in der eigenen Vergangenheit einen anderen Weg eingeschlagen hätte?!? Wäre man ein anderer geworden? Hätte man nie geheiratet? Wäre man gar schon tot?

Wie wäre es, wenn man auf einem Planeten lebte, der nicht Erde, sondern Moff hieße und der nicht einen Trabanten, sondern zwei Monde hätte?!

Welche Namen hätten die Dinge dort und welche Sprachen würden dort gesprochen?

Wenn ich mal zweifele oder keine Kraft mehr habe, wenn ich das Gefühl habe, mir wächst alles über den Kopf, dann „zoome“ ich mich gerne mal aus dem Geschehen heraus, indem ich mich Schritt für Schritt in eine übergeordnete Ebene hinein versetze. Das mache ich so lange, bis ich die Erde von außen sehe. Dann relativieren sich die Dinge, und die eigenen Probleme werden schnell kleiner und unbedeutend.

Am vergangenen Freitagabend aber war es etwas anders, und wie ich gerade merke, fällt es mir jetzt – drei Tage später – ziemlich schwer, diese Gedanken zu reaktivieren. Der Anblick des Mondes löste etwas in mir aus: ich dachte an Aomame, die Protagonistin in Murakamis Buch, die plötzlich zwei Monde am Himmel sieht, und ich fühlte mich an- und gleichzeitig abwesend. Ich saß im Auto, aber ich war nicht da. Was ist der Mond eigentlich? Was sehe ich und was bedeutet das?

Zwei Monde würden auf der Welt zweifellos so einiges durcheinander bringen. Allein der Betrachter würde – so wie im Roman – doch zunächst mal an seiner geistigen Frische zweifeln.

Hier geht es irgendwie um Gewohnheiten, Natur, Licht, Bedeutung, Anziehungskraft, Begleitung, Tageszeit, Gesetzmäßigkeiten, Worte, Erinnerungen, Physik – um nur einige Aspekte zu nennen. Vor allem aber geht es um meine Sicht der Dinge, mein Erleben, meine Gefühle, meine Schlussfolgerungen.

Nacht-Sonne über Eppendorf.

Stehen solche Gedanken mit Flucht in Zusammenhang? Und was wissen wir denn schon? Bei einem Roman kann ich jederzeit anhalten, aussteigen oder umsteigen. Eine Pause machen, oder ein anderes Buch lesen. Aber aus einem fahrenden Auto aussteigen, und das womöglich noch in einer Parallelwelt? Schwierig.

Ich fuhr also weiter und füllte meine Welt wieder mit neuem Leben. Ich habe weiter gemacht, habe nach vorne gesehen (notgedrungen) und bin (vorübergehend) angekommen. Die Wolken schoben sich beiseite und der Mond leuchtete rund und gleißend weiter. Das tut er ja auch, wenn man ihn hinter Wolken nicht sehen kann. Ich weiß, dass das so ist, aber bewußt wird es mir erst, wenn er auftaucht oder verschwindet.

Vom Begriffsursprung her ist der Mond der Wanderer. Und wir sind das auch. Die Furcht, seinen Weg zu verlieren, und nicht anzukommen, begleitet uns. Der Mond erinnert uns daran, dass wir immer wieder neue Gelegeneheiten bekommen.

Und er leuchtet uns (manchmal) den Weg.

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