Das goldene Zeitalter?

Eigentlich wollte ich einem Kollegen ein Foto mit einem Kompass aus meinem privaten Bestand raussuchen, als ich auf ein 10 Jahre altes Bild aus Hannover stieß. Unweigerlich musste ich an das Champions League-Finale in zwei Tagen in London und die vieldiskutierte Frage, ob jetzt die große Zeit des deutschen (Vereins)Fußballs anbricht, denken. 

Sonnenuhr im Großen Garten (Herrenhäuser Gärten) in Hannover.

Sicher, eine Sonnenuhr ist kein Kompass, aber die Himmelsrichtungen sind auch vorhanden. Wohin geht die Reise, folge ich dem richtigen Weg? Und scheint die Sonne morgen auch noch?

Was den deutschen Fußball angeht, so haben die deutschen Teams die spanischen in der abgelaufenen Saison hinter sich gelassen. Das ist unbestritten und Folge von modernem, dynamischen Systemfußball. Letzteres ist offensichtlich keine Frage des Alters, denn die Trainer der beiden Finalteilnehmer liegen mehr als 20 Lebensjahre auseinander. Ein Kompass war hier aber neben verpassten Zielen in der Vorsaison beim frischgebackenen Deutschen Meister offenbar auch bei der Kurskorrektur im vergangenen Sommer behilflich.

Ist das der Anfang einer deutschen Ära im europäischen (Klub-)Fußball, der Beginn einer goldenen Ära?

Möglich, aber nicht zwingend. Klar ist, dass es jetzt, 13 Jahre nach der Bankrotterklärung der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2000 und der anschließenden Forcierung der Jugendarbeit und -förderung wieder einmal deutlich wird, dass vor dem Erfolg nicht nur das Bemühen steht, sondern oftmals – wie auch hier – das Scheitern.

Das ist kein reines Sport-Thema. Daher ist es auch interessant, nach Parallelen zu anderen Entwicklungen und Ereignissen (in Europa) zu schauen. Themen wie Schulden, Verantwortung, Führung, Politik, Märkte und Konzepte – um nur ein paar zu nennen.

Viele europäische Länder fühlen sich immer noch nicht wohl, wenn der große Nachbar in ihrer Mitte zu erfolgreich, zu mächtig wird. Was die fabelhafte WM 2006 in Deutschland an Sympathien und neuer Lockerheit im gegenseitigen Umgang aufgebaut hatte, hat spätestens mit der EURO-Krise wieder zum Rückfall in alte und stereotype Resentiments geführt. Leider. Und leider auch verständlich.

Andererseits: Welcher Unternehmer mit intaktem gesunden Menschenverstand würde ein zigfach höheres Risiko als seine Partner auf sich nehmen, ohne sich ein größeres (Mit-)Bestimmungsrecht auszubedingen?! Ich kenne keinen.

Da landen die Beteiligten schnell im Morast der billigen Polemik. Menschen mit Verantwortungsgefühl und -bewußtsein sollte dies fremd sein. Im Fußball gelten am Ende des Tages die gleichen Gesetze wie in anderen Bereichen der Gesellschaft. Ich kann nicht ohne Konzept Schulden anhäufen und mich am Ende über mangelnden oder nur vorübergehenden Erfolg wundern. Ich muss mich gegenüber den Vereinsmitgliedern rechtfertigen und im Interesse aller Beteiligten handeln.

Sobald das Ganze dann international wird, fangen die Probleme erst richtig an. Allerdings steigen auch die Chancen überproportional. In der Politik vermissen viele – zu Recht – Führungspersonen an sich, und erst recht solche mit Charisma. Besonders schön ist es eben, wenn nicht nur Erfolg da ist, sondern dieser auch strahlt oder glänzt.

Daher ist es besonders erfreulich, dass sich beide deutsche Teams nicht nur zu recht für das große Finale in Wembley qualifiziert haben, sondern auch anerkanntermaßen den schönsten, attraktivsten und modernsten Fußball gespielt, ja teilweise zelebriert haben. So möge es hoffentlich auch im letzten Match sein!

Da im Leben eigentlich nur der Moment zählt und gleich schon wieder Vergangenheit ist, freue ich mich an dieser Momentaufnahme und denke nicht an eine Ära oder gar ein Zeitalter, sondern genieße diesen goldenen Augenblick.

Damit wären wir dann wieder bei der Sonnenuhr: Die Zeit läuft und nach einem goldenen Sommer sieht es momentan nicht aus. Den läutet vielleicht dann das Spiel übermorgen ein. Dass das ausgerechnet in London geschähe, wäre ja auch mal was Neues.

Lassen wir uns überraschen! Es kommt im Leben zu oft anders als gedacht. Da hilft auch kein Kompass.

 

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