Sie haben im Lotto eine Penisverlängerung gewonnen!

Zugegeben – diese kummulative Gewinnaussicht ist fast noch unwahrscheinlicher als sechs Richtige mit Zusatzzahl, aber man kann es ja mal versuchen. Jedenfalls war das mein Gedanke, als ich heute morgen in die Zusammenfassung der gestern von meinem Provider gefilterten Spam-Nachrichten schaute.

Es sind selbstredend natürlich auch andere Top-Kombinationen möglich, vielleicht sogar ein „Dreier“! Wie wäre es zum Beispiel mit:

„Besuchen Sie mich in meinem Keller, ich gebe Ihnen den Geldkoffer persönlich, Sex erhalten Sie im Vorkeller von meiner bezaubernden, versklavten minderjährigen Assistentin bis in den frühen Morgen und sind über Nacht Millionär. Morgen früh wachen Sie auf mit zwei Schwänzen. Garantiert!“

Faszinierend an all dem ist doch der Widerspruch zwischen den tatsächlichen und vermeintlichen Bedürfnissen der Menschen. Da ist ja – vor allem online – zunächst das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Sei es durch Bilder, Kommentare, Blogeinträge, Tweets, E-Mails etc. Letztere führen uns zu Spam-Mitteilungen und scheinen mir bei genauerer Betrachtung manchmal durchaus den einen oder anderen Absender auch selbst sexuell zu erregen. Anders kann man sich diesen Eifer kaum erklären, der natürlich automatisiert ist und damit so ziemlich alles konterkariert, was der Internet-Nutzer = Empfänger im Netz und auch im Leben sucht.

Individualität, persönliche Kommunikation, (Lebens-)Inhalt und (Lebens-)Freude – um nur ein paar Dinge zu nennen. Das sind übrigens in der deutlichen Mehrzahl alles Werte, Empfindungen und Vorgänge, die man sich auch mit einem Lottogewinn nicht kaufen kann.

Zufrieden stelle ich jetzt fest, dass in diesem Beitrag mindestens zwei überragende Schlüsselwörter für Spam-Roboter und Suchmaschinen vorhanden sind. Da bin ich jetzt ja mal gespannt!

Vielleicht reicht es am Ende sogar zu einem flotten Vierer, Fünfer oder Sechser. Dann habe ich am Ende doch noch im Lotto gewonnen…

In diesem Sinne, meine Empfehlung:

Einfach mal zuruecklehnen

Das Netz ist überall – auch in der Kunst

Die Erde ist durch Satelliten im Orbit und durch Funktürme und -masten am Boden kreuz und quer mit Funknetzen überzogen. Hinzu kommen WLAN-Netze in Hotels, Unternehmen, Häusern und Wohnungen, deren Allgegenwärtigkeit und Namen mir bereits mein Smartphone ständig vermittelt, sobald ich mich zu Fuß oder mit dem Auto durch die Stadt bewege.

Das folgende Video hat letzeres sehr kunstvoll und ästhetisch visualisiert und via Light Painting materialisiert.

Gedanken am Samstagmorgen

Ich las gestern in einem Tweet, dass man die besten Gedanken verpasse, wenn man sich nicht selbst reflektiere. Mein Reden. Viele Menschen neigen in dieser Hinsicht zu großer Bequemlichkeit, wenn nicht gar Ignoranz – die Rechnung kommt dann später.

Also abgesehen vom reduzierten Erlebnisgehalt und Erkenntnisgrad im eigenen Dasein, ist das natürlich auch eine Frage von „Reinigung“, Konstanten, Koordinaten, Zielen und Orientierung.

Gestern war auf Spiegel Online etwas über Meinungsabgleich und Filterfunktion(en) durch Facebook, Google etc. zu lesen. Ich habe dazu nur die Überschrift und das dazugehörige Bild gesehen, eine Landkarte mit Verbindungslinien bzw. Ballungszentren, scheinbar bezogen darauf, wer wo welche Meinung vertritt, widergibt oder ihr folgt.

Nun ist das Folgen ja seit Twitter etwas ganz anderes geworden oder hat zumindest im Online-Bereich eine eigene Dimension erlangt. Ich „folge“ auch, und mir wird „gefolgt“. Was ist die Folge davon und wieviel (mehr) an Meinung(en) gebe ich ungefiltert weiter oder folge ich, weil das Agenda Setting gerade entsprechend angesagt ist bzw. vorgenommen wurde?

In Nordafrika folgen die Menschen dem Ruf der Freiheit und online organisieren sie sich schnell und zielgerichtet. Das ist ein gutes und gesundes Wachstum, und letztlich folgerichtig. Denn ein Netz verbindet, und dieses spezielle Netz kann es schneller und besser als jedes andere. Es ist ja nur eine fortgeschrittene Art des Telefonierens, an dem zudem der ganze Planet teilnehmen kann – wenn er denn Zugang hat.

Dass jeder am besten seiner eigenen Nase folgen sollte, und nicht nur Trends, reinen Modeerscheinungen oder Wahnvorstellungen, versteht sich von selbst. Und da sind wir wieder bei den eigenen Gedanken.

Ich liege auf dem Sofa, tippe in mein iPhone in beachtlicher Geschwindigkeit, und spüre den gestrigen Abend in den Knochen. Eine 60-Stunden-Woche ging mit Chinese Boxing in Ottensen und einem anschließenden Umtrunk in der Nähe zu Ende. Der Raum jetzt gerade zwischen endgültigem Wachwerden und Aufwachen ist wie gemacht für diese Gedanken.

Nach knapp vier Wochen Twitter, zahllosen Tweets und viel Lachen und Kopfschütteln ist es Zeit für ein Zwischenfazit.

Die eigene Aufmerksamkeit wird in vielen, häufig zu vielen, Details gebunden. Das ist dann eine Frage der Selbsterziehung. Das eigene Verhalten ändert sich teilweise dramatisch, und das ist spätestens dann schlecht, wenn es nicht gewachsen ist, sondern durch die schlichte (technische) Möglichkeit bzw. Machbarkeit motiviert wird. Mit anderen Worten: Ich mache es dann nur noch, weil es geht oder weil ich es kann, z. B. mit Hilfe meines Smartphones. Da leidet schnell die sichtbare Aufmerksamkeit für Menschen am gleichen Ort, im gleichen Raum – was auch eine Frage von Respekt und Höflichkeit ist.

Ich kann damit umgehen. Ich bin jetzt 40 und kenne das Beste aus beiden Welten – offline sozialisiert und online weitergebildet und geschult. Doch Gespräche wie das, dessen unfreiwilliger Zeuge ich am Dienstag im Bok in Ottensen wurde, zeigen mir, dass die Facebook-Generation von heute das ohne eine intakte Begleitung der Eltern nicht mehr kann. Die eigene Wahrnehmung und die wechselseitige Wahrnehmung meiner „Freunde“ auf der Grundlage vorgegebener Raster und Technik ist letztlich gnadenlose Auslese und nicht selten der Weg in die Selbstentfremdung. Die Gesprächsthemen und vor allem die Art und Weise der (Selbst-)Darstellung sind leider zu oft oberflächlich, gänzlich wertend und noch häufiger völlig inhaltsleer.

Eins wird immer so bleiben: Das Leben ist offline und draußen. Bin ich online, bin ich erreichbar, und auf Linie – finde mich aber vielleicht selbst nicht (mehr). Wie mein Chef immer so schön sagt: „Wer nicht raus geht, kann nichts erleben.“

Ich fahre jetzt nach Blankenese zu meinem Optiker. Da wartet ein Steve McQueen-Poster auf mich. Das kann ich anfassen, verschenken oder mir in die Wohnung hängen. Neulich habe ich mir einen Fotoband von William Claxton über McQueen bestellt – gebraucht, denn das Buch gibt es nicht mehr. Ich habe es gerade in die Hand genommen und nehme mir jetzt die Zeit, es überhaupt mal richtig und aufmerksam anzusehen.

Und um so eine coole Sau wie Steve McQueen zu werden, muss man raus gehen und Dinge (er)schaffen, die auch in 50 Jahren noch den gleichen Wert haben werden – wenn es Facebook schon lange nicht mehr gibt und wir vermutlich schon über unsere Gedanken ins Netz gehen können.

Auch (am besten) an einem Samstagmorgen.

Musiktipp: „The World Is Outside“, The Ghosts (Album „The World is Outside“).