Gartenzwerge und Doping

Müssen Gartenzwerge auch zur Dopingkontrolle?, fragte ich diese Woche in meiner Statusmeldung bei XING. Wie ich ganz genau auf diese Frage gekommen bin, weiß ich nicht mehr wirklich. Es war diese Woche Dienstag oder Mittwoch, und wir saßen mal wieder nach 20 Uhr noch im Büro. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zum Besten zu geben, und ich dachte an die Kälte und die Tonnen von Schnee, die uns alle seit Wochen im Griff hatten. Dann kamen mir die Gartenzwerge in den Sinn.

Sie müssen ohnehin schon sehr standhaft sein, und in diesem Winter unter besonders frostigen Bedingungen. Und Doping ist ja ein Nachhelfer, der nicht mehr allein auf den Leistungssport limitiert ist, obwohl das immer noch viele glauben oder automatisch annehmen. Im Büro, in der Freizeit, in der körperlichen Liebe, überall wird nachgeholfen und auf Substanzen zurückgegriffen, die nicht selten körperliche Schäden nach sich ziehen.

Ein weiterer Ansatzpunkt sind die Olympischen Winterspiele, die gerade in Vancouver stattfinden.  Es gibt dort zwar weder Gartenzwergbiathlon, noch Zwergrodeln, aber auch jede Menge Schnee und sicherlich auch nicht keine Chemie. Die Gesellschaft, die immer höher, schneller und weiter unterhalten werden will, sich gleichzeitig über verbotene, leistungssteigernde Substanzen echauffiert, aber unter keinen Umständen auf dieses oder ähnliche Spektakel verzichten will, diese Gesellschaft ist am Ende des Tages wenig glaubwürdig, und noch weniger als moralische Instanz geeignet. Der Selbstbetrug wird hier noch größer geschrieben, als der (vermeintliche?) Betrug am Konkurrenten. Betrug am eigenen Ziel und erst sich später offenbarender Betrug am eigenen Körper. Die nächste Stufe in diesem Spiel ohne Gewinner dürfte dann wohl die Genmanipulation sein.

Da fällt mir doch gleich mal wieder Das ausgefallene Sportstudio mit Werner Schneyder ein, der Sportjahresrückblick, den es in den 70er und 80er Jahren im ZDF gab. Der österreichische Kabarettist turnte dabei dozierend durch einen Parcours von Sportgeräten durch ein menschenleeres Fernsehstudio und gab bemerkenswerte Sätze zum Besten. Wer hat denn in mein Becherlein gedop(p)t? Seine Aussprache des bösen Wortes verstärkte dabei die Absurdität des Inhalts. Aus dem Jahr 1983 stammt dieses Zitat, übrigens dem Jahr der ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki.

Vielleicht werden wir in 20 Jahren darüber lachen, vielleicht auch über das Wort Doping. Wer weiß, vielleicht werden uns die kleinen Nachhelfer in 20 Jahren auf Rezept verschrieben? Ein weiterer Schritt zu Aldous Huxleys Brave New World, in der man ein Viertel einer Tablette nimmt, um zu träumen, eine halbe, um durchzuschlafen, und eine ganze, um eine Woche Urlaub zu haben bzw. zu spüren. Was spüren wir dann noch? Uns selbst wohl kaum.

Aber ein Trend ruft in der Regel auch – früher oder später – einen Gegentrend hervor. Dass im Leistungssport in einem solchen Fall dann vorsorglich alle Rekordbücher verbrannt werden müssten, damit neue Anreize geschaffen würden, ist eine andere Seite der gleichen Medaille. Wie schnell kann ein Mensch 100 Meter rennen, ohne seinen Körper jenseits eines leistungssteigernden Trainings hochzuzüchten?

Viel bedenklicher ist aber etwas ganz anderes: Das schleichende Desinteresse, das mit dem menschlichen Hochrüsten, Glattpolieren und Zurechtschneiden einhergeht. Desinteresse vor allem beim Adressaten. Die Ausgangsfrage nach der Dopingkontrolle für kleinere Zeitgenossen beantwortet sich somit von selbst – und auch nicht. Will sagen: eigentlich müssen wir alle (bald) zur Kontrolle, um unserer selbst willen. Freiwillige Selbstkontrolle nicht ausgeschlossen.

Wer hat denn in mein Becherlein gedop(p)t?!