Weiß wie Schnee

Der Junge saß auf der Schaukel, die sich an Ketten sachte vor und zurück bewegte. In die kühle Stille hinein dampfte regelmäßig die Atemluft aus seinem Mund, so wie hier im Sommer regelmäßig halb- und viertelstarke Jungs saßen, und rauchend den Spielplatz und dessen Einrichtungen in Beschlag nahmen.

Die Ruhe täuschte. Sie lag wie der frische Schnee über einer scheinbar überschaubaren Fläche, deren Abgründe bei Tauwetter oder durch andere Ereignisse jederzeit zum Vorschein kommen konnten. Mark saß bereits seit einer Stunde hier und starrte in den Schnee. In seinen Ohren wiederholte sich das geliebte Knirrschen der geballten Schneekristalle unter jedem seiner Schritte, die ihn hierher getragen hatten in einer endlosen Schleife. Den beständigen Impuls aufzustehen, und das Geräusch zurück in die Gegenwart zurückzuführen, konnte er nur mühsam unterdrücken. In seinem Kopf reihten sich Bilder aneinander, die er gelegentlich auch durch den Schnee hindurch schimmern sah.

Er liebte die Reinheit des weißen Niederschlags, die bedächtige Ruhe seiner Aufhäufung und den kalten Glanz seiner Decke. Der Versuch, das Wissen über das in der Nacht Geschehene und auch sich selbst zu verstecken, war am frühen Morgen im gefrorenen Sand inmitten der Gerätschaften hundert Meter von seiner Schule entfernt gescheitert. Er war hier gestrandet im Schneetreiben, und war sich hier und da nicht mehr sicher, wo die Grenzen zwischen innerer und äußerer Welt lagen.

Der weiße Anzug vor seinen Augen hätte ihm gut gestanden – im Inneren, in seiner Brust, die leidlich zugeschnürt war und einen nicht gastfreundlichen Geschmack von Fülle und Bitterheit vom Hals bis in seinen Mund schickte.

So war das also, dachte er. Niemals hätte er geglaubt, das Kälte im Inneren größer und mächtiger sein könnte als ein Wintersturm mit Schneeverwehungen und Temperaturen, die die Gesichter zu Fratzen verzerren konnte. Gesichter, die eben noch bekannt und vertraut schienen und jetzt fremd und bedrohend unter der Schneedecke und in seiner Erinnerung lauerten. Wie gelähmt saß er auf dem schwarzen Hartgummi der Schaukelsitzfläche, seine Arme wie Schlangen um deren als Aufhängung installierte Ketten gewunden.

Immer wieder kamen die Bilder der Nacht zurück. Sie drängten, heulten und blitzten vor seinen Augen auf, beleuchtet durch das Weiß der Umgebung. Die Schreie waren nicht mehr so laut, wirkten jetzt aber umso bedrohlicher. Waren es Möwen am Deich, die schrill vor Kälte und Polarwind den Nordseegezeiten wirre Worte opferten? Waren es Laute von einem Menschen oder nur der erhoffte, immer stärker herbeigesehnte Traum, der jede Sekunde zu Ende gehen musste?

Er senkte den Kopf und bemerkte die rote Farbe, die durch den Schnee hindurch schimmerte. Mit zunehmenden Tageslicht konnte er sich dieser Wahrnehmung immer sicherer sein. Seine Hände schmerzten trotz der Handschuhe und jedes Schlucken tat entsetzlich weh.

Hatte er selbst geschrien, endlos und über seine Stimmkraft hinaus? Mark versuchte zu sprechen, doch sein Körper versagte den Gehorsam. Die feine Kälte schmiegte sich sickernd an sein Gesicht und Schneeflocken nutzen den Spalt zwischen Wollmütze und Schal, um sich in seinem Nacken bemerkbar zu machen. Er spürte die Schwere des Bodens. Sein Herzschlag pulsierte im Ohr und er spürte ihn durch die Jacke hindurch in der Brust bis in den Boden hinein.

Würde der Schnee jemals wieder so weiß sein?

Die Zweimilliardenfrage

Eine Rubrik bei EigenartigeWelt.de heisst What’s going on?! Darin wollte ich über Themen schreiben, die aktuell sind oder die die Menschen gerade beschäftigen. Ich merke gerade, dass auch eine Variante Sinn machen kann, die nicht nur allgemein die Frage „beantwortet“, was gerade so passiert, sondern auch (m)einen ganz persönlichen Ansatz ins Spiel bringen kann. Also: Was geht ab?!

Seit vor zehn Tagen das neue Jahr auch im Job wieder angefangen hat, stellt sich für mich permanent die Frage nach der (Re-)Organisation. Wie organisiere ich mich und meine Arbeit, wie das Unternehmen, für das ich arbeite? Wie organisiere ich mein Leben, und will ich letzteres überhaupt?

Als ich Ende letzter Woche in Berlin war, überfiel mich scheinbar plötzlich die Erkenntnis, dass es ohne Remember The Milk, Evernote und andere Hilfsmittel nicht mehr geht. Der gute alte Kalender, egal, ob mit dem Handy synchronisiert oder nicht, reicht (schon lange) nicht mehr.

Was war passiert? Ich hatte schlicht und einfach etwas vergessen, irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen persönlichem Kontakt, Delegieren und Terminabsprache und -bestätigung. War oder ist das so schlimm, gar dramatisch? Jein. Ich hatte wie gesagt lediglich etwas vergessen. Andererseits war es ein letzter warnender Hinweis darauf, dass mit wachsenden und neudefinierten Aufgaben im Beruf und ebenso wirkenden privaten Ansprüchen weder mein altes, das aktuelle, noch ein komplett neues System helfen würden, mich – in jeder Hinsicht – nicht zu verlieren.

Was ist die Alternative? Zettelwirtschaft und latenter Perfektionismus (so wie früher)? Technikhörigkeit und Ab- bzw. Aufgabe des „Mitdenkens“ (daher nannten und nennen wir PDAs oder iPhones gerne auch Hirnprothese)?

Fest steht: Die Karten werden (ohnehin) jeden Tag neu gemischt. Das liegt bereits in der Natur unseres Daseins. Heute ist Kommunikation durch Internet, Handy etc. auch nicht mehr das Gleiche wie vor zehn oder gar 20 Jahren. Veränderung ist auch immer ein dynamischer, grundsätzlich heilsamer Prozess. Sie ist Motivator, Zwang, Antrieb, Überraschung und Entwicklung. Leben eben.

Die Debatte zwischen Zukunftseuphorikern und Kulturpessimisten hatte mich hier zuletzt bereits zu mehreren Beiträgen bewegt. In der SZ vom 9. Januar ist unter dem Titel Die Zweimilliardenfrage ein sehr lesenswerter Artikel über die Wechselwirkung zwischen dem Denken des Menschen und der Nutzung des Internet erschienen. (Auch an dieser Stelle noch einmal Bedauern darüber und Kritik daran, dass solche Artikel bei sueddeutsche.de nicht frei zugänglich sind, würden sie der Diskussion doch gerade zuträglich sein!) Das Onlinemagazin Edge hat in seiner jährlichen Grundsatzfrage 131 Künstler, Wissenschaftler und Autoren um Auskunft darüber gebeten, ob und inwieweit das Internet das Denken verändert. Der geneigte Leser kann in Edge – frei zugänglich! – nachlesen, was einige der befragten Herrschaften geantwortet und an sich selber festgestellt haben. Dass die Antworten bereits in sich ambivalent daher kommen, versteht sich fast von selbst und zeigt die scheinbare Unvereinbarkeit der beiden Lager, jedenfalls in der Debatte.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin für bezahlten journalistischen Content im Internet, allerdings in einer gewissen Ausgewogenheit, so dass wesentliche Beiträge auch kostenlos oder zeitversetzt abrufbar sind. Ich behaupte: Wer hier in den nächsten zwei Jahren ein technisch, urheberrechtlich und wirtschaftlich ausgewogenes System entwickeln und etablieren kann, der braucht sich für „einige“ Jahre keine Sorgen mehr zu machen.

Am Ende des SZ-Artikels wird die Ausgangsfrage umgedreht: Wie passt sich das Netz unserem Denken an? Das ist für mich zwar eher eine technische Frage, doch sie fragt auch nach einer Entwicklung. Sie ist auch Leben.

Im Kern geht es für mich nicht so sehr, zumindest nicht an erster Stelle, um das Denken, sondern um das Handeln: Wie verhalte ich mich, wie verändern das Internet und andere moderne Kommunikationsmittel mein Verhalten und das meiner Mitmenschen? Dabei soll es gelegentlich auch vorkommen, das erst gedacht, und dann gehandelt wird. Zumindest kann das recht hilfreich sein.

Was mich betrifft: Ich habe mir gerade Remember The Milk runtergeladen und suche noch ein Plätzchen dafür auf meinem völlig überfüllten iPod Touch.

Es kann alles nur besser werden, ich wünsche weiterhin einen guten Start in das noch junge Jahr!

Wintertraum

Heute Morgen bin ich zwanzig Minuten in der grünen, momentan aber eher weißen, Lunge Hannovers gejoggt. In der Eilenriede lag der Schnee zentimeterhoch, die Bäume schneetrunken und alle Geräusche gedämpft wie in einem Traum. Idyllische Bedingungen für meinen Lauf-Jahresauftakt und die Fortsetzung eines eher beschaulichen Jahreswechsels am Vorabend. Schnee, Kälte und Wirtschaftskrise hatten ihre Wirkung offenbar getan.

Nun ja, bisweilen ist es ein zweifelhaftes Vergnügen, anderen, in diesem Fall betrunkenen und eher ungeschickten Zeitgenossen, bei der Verrichtung ihrer pyrotechnischen Neujahrsverrichtungen zuzusehen. Gestern war dem eher nicht so, denn was sich vor unseren Augen abspielte, lag an der Grenze zu Slapstick und fahrlässiger Tötung. Jedenfalls wurden wir mehr als eine halbe Stunde bestens unterhalten und konnten uns davon überzeugen, dass Dummheit vermutlich niemals aussterben wird.

Der Schnee erzeugt eine latente Urlaubsatmosphäre, der ich gerne ausgiebiger in der Natur fröhnen würde, z. B. mittels einer Wanderung im Harz. Leider sieht es derzeit nicht danach aus, aber das Jahr ist ja bekanntlich noch lang.

So tröste ich mich mit dem 20-minütigen Wintertraum von heute Vormittag und hoffe auf sonniges Winterwetter am Wochenende, auch wenn Berge in und um Hamburg eher die Ausnahme sind. Vielleicht reicht es ja immerhin zu einer Runde Polargolf.