Laufen und Schreiben

Ich lese zur Zeit „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami. Dieses Buch musste ich scheinbar zwangsläufig lesen, denn es vereint zwei Leidenschaften, die ich mit dem Autor teile: Laufen und Schreiben. Murakami sagt, dass er alles, was er über das Schreiben wisse, durch das Laufen gelernt habe. Es dauerte etwas, bis ich verstand, was er meinte. Zweierlei ist wichtig: Durchhaltevermögen für die sitzende und die bewegende Disziplin zu erwerben; gleichzeitig ist das eine Ausgleich für das andere und umgekehrt. Verständlich und unverzichtbar.

Das Schriftstellerdasein ist ein eher einsames. Es gibt zwar auch schreibende Paare oder literarische Duette (z. B. früher die beiden Italiener Fruttero & Lucentini), aber letztlich ist der Schreiber allein mit dem leeren Papier oder Bildschirm vor sich. Was sich am Tag beim Sitzen am Schreibtisch anstaut, muss irgendwo hin, auf jeden Fall raus aus dem Körper. Bewegung ist da eine naheliegende Möglichkeit, diesen Dienst am schreibenden Körper zu erbringen. Die Bewegung, in diesem Fall das Laufen, kann natürlich auch als Ziel oder Belohnung eingesetzt werden.

Zurück zu Murakami. Spätestens beim Thema Ultra-Langstreckenlauf (100 km) und auch schon Triathlon scheiden sich die Geister. Sicher, es schadet nicht, wenn man wie er eher ein Leichtgewicht ist. Das schont beim Laufen die Gelenke, vor allem die Knie. Nichtsdestotrotz ist der Verschleiß ein schleichender Prozess und fällt im Alter doppelt ins Gewicht: er hält mich von der Fortsetzung meines geliebten Sports ab und verleidet mir doppelt den altersbedingten Degenerationsprozess. Andererseits: Man sollte immer im Hier und Jetzt leben! Die Zukunft ist ungelebt und die Vergangenheit unverrückbar. Also muss ich jeden Tag so formen, dass ich ihn gelebt habe.

Das Buch ist auch ein sehr persönliches, ja autobiographisches Buch. Murakami bleibt gar nichts anderes übrig, als all diese Dinge zu erzählen, die auf den ersten Blick so wenig mit dem Laufen zu tun zu haben scheinen. Je weiter man jedoch im Text voranschreitet, desto klarer wird, woher er seine Energie bezieht und das er, wie er sagt, nicht umhin kommt, die Dinge – und damit auch sich – so zu beschreiben, wie sie sind. Ein sehr ehrliches, sympathisches und  authentisches Buch. Ich habe jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass eines der Geheimnisse seiner Bücher und seines Stils darin besteht, die Dinge einfach so zu beschreiben, wie er sie sieht und erlebt. Bei der nur allzu weit verbreiteten Effekthascherei in vielen Bereichen unseres Lebens ist und bleibt dieses Kunststück unbezahlbar und vor allem eins: unverzichtbar. So wie für den Autor das Laufen.

Für den einen und den anderen.