Lisboa (Part 2) – Sonne bringt Wonne

Der Sonntag macht seinem Namen ein wenig Ehre. Die Sonne lässt sich zwar nach anfänglicher Vorherrschaft immer weniger bis gar nicht blicken, doch regnet es heute nicht eine Minute. Nachdem ich gestern (hauptsächlich wegen des Regens) vor den Toren des Castelo de Sao Jorge halt machte (1991 mussten wir nach meiner Erinnerung keinen Eintritt zahlen), habe ich mir auch heute Vormittag kein Ticket gekauft. Der beste Blick über die Stadt und den Fluss muss weiter auf mich warten.

Der Plan war ansonsten: Baixa, Oberstadt (Sao Pedro de Alcântara), das Hotel York House in der Rua das Janelas Verdes, Tejo (Lapa bis Alcântara), Parque Eduardo VII und was auf dem Weg sonst noch so anfällt…

Das war der Plan. Im Rückblick stand heute aber fast nur Lapa auf dem Programm. Das York House ist der absolute Knaller! Von der Straße aus erscheint es zunächst völlig unscheinbar, nur ein mit Azulejos umrahmter Eingang samt Schriftzug des Hotels gibt Auskunft über dessen Existenz in der Rua das Janelas Verdes. Ein kleiner Portier kommt mir auf der Treppe zum Innenhof entgegen. Ich frage, ob ich mich einmal umsehen kann und er verweist mich an die Rezeption, die man rechterhand im Innenhof durch eine Tür erreicht. Besagter Hof ist in jeder Hinsicht das Herz der Anlage.

Jardim 9 de Abril

Die Zimmerpreise variieren je nach Auslastung und wechseln quasi täglich. Die Dame am Empfang nennt mir einen aktuellen Preis von bzw. ab 90 Euro. Natürlich ist eine Unterkunft in den Wintermonaten günstiger als zwischen März und Oktober. Auf Nachfrage gibt sie mir einen englischsprachigen Flyer in Postkartenformat mit. Die Zimmer sind wunderschön, eine perfekte Mischung aus alt und modern. Die Pflanzen im Innenhof blühen in voller Pracht und die farbenfrohen und gemütlich anmutenden Sitzgelegenheiten tun ein Übriges. Ich denke, das nächste Mal (spätestens im Herbst) werde ich hier wohnen.

Die Offenbarung des Tages ist jedoch eine anderer Ort: Jardim 9 de Abril. Im weiteren Verlauf der Rua das Janelas Verdes liegt auf der Seite zum Fluss das Museu Nacionale de Arte Antiga. Ein Besuch muss bis zum nächsten Mal warten. Direkt dahinter auf der gleichen Seite liegt mein vorläufiger Lieblingsort. Ältere Männer sitzen zusammen unter dem Schutz eines Pflanzen- und Baumdachs und einer Gerüstkonstruktion aus Metall. Drumherum verlaufen Wege. Der kleine Park fällt zum Tejo hin ab. In der Verlängerung der Stufen zum Seiteneingang des Museums am südlichen Ende der Grünanlage sind vier Bänke nebeneinander angebracht. Ein halbhoher schwarzer Metallzaun schützt vor einem Sturz in die tiefer gelegene Sackgasse.

Hier sitze ich nun fast zwei Stunden und bin hin und her gerissen zwischen dem Blick auf den Fluss, die Ponte 25 de Abril, die Hafenanlagen und den Cristo-Rei neben der Brücke am Südufer. Die Sonnenstrahlen, die sich immer mal wieder durch die Wolkendecke kämpfen, veredeln den Anblick. Ich lese im Nachtzug nach Lissabon und habe das Gefühl, dass dieser Platz heute hier auf mich gewartet hat.

Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?

Bis heute war ich etwas unzufrieden mit dem Fortschritt bei der Lektüre des Romans, wohl weil ich einige Wege, die dort beschrieben werden direkt nachverfolgen wollte. Doch den Charme dieser kleinen Reise macht eben gerade die rudimentäre Planung aus, die mich auch heute wieder nur in eine grobe Richtung führt, und mich auf dem Rückweg Richtung Osten gegen fünf Uhr, als die Sonne langsam verschwindet, vorbei am Parlament (Palacio de Sao Bento) durch die Travesso da Arrochela zum Largo de Jesus und auf die Calcada do Combro wandern lässt. Ich entdecke in der Dämmerung das gleißend angeleuchtete Wirtschaftsministerium und gehe für heute zum letzten Mal in Richtung Fluss und gelange zum Miradouro de S. Catarina. Was für ein Ausblick!

Die mit Abstand meisten Einträge aus dem Reiseführer entdecke ich vom Praca Luis de Camoes kommend in der Rua Garrett. Die kleine Statue von Pessoa, das Hotel Borges, das Café a Brasileira und ehe ich mich versehe betrachte ich die Rückseite des Elevador de Santa Justa. Etwas betrübt stelle ich fest, dass mein Weg in die Oberstadt auf mindestens morgen verschoben ist. Mir ist von dem Ausblick von dort im September 1991 noch das riesige Filmplakat von Das Schweigen der Lämmer in lebhafter Erinnerung. Jodie Fosters Gesicht mit einem Falter auf dem Mund: O silencio dos inocentes. So oder so ähnlich war darunter zu lesen. Darüber lag erhaben das Castelo S. Jorge.

Lisboa (Part 1) – Eine Erinnerung

Vor 17 Jahren bin ich schon einmal hier am Tejo gewesen. Wir waren morgens um vier in Lagos an der Algarve losgefahren und steckten Viertel vor Acht dann im Stau kurz vor der Brücke des 25. April fest. Hinter uns versuchte sich ein Krankenwagen verzweifelt einen Weg zu bahnen. Die Verzweiflung hatte ich ihm (oder dem Fahrer) aber wohl mehr angedichtet, denn das Automobil bewegte sich mit Ruhe, Geschick, Zähigkeit und einer amerikanisch anmutenden Sirene durch die zwei völlig mit Autos und Lastern verstopften Fahrspuren. Rechterhand konnten wir bereits das Cristo-Rei-Denkmal sehen, das ich so bisher nur von Bildern aus Rio de Janeiro kannte. Beeindruckend und respekteinflößend.

Alfama

Die (spontane) Idee, zum Jahreswechsel für mehrere Tage zurück in die Entdeckerstadt zu fliegen, hat sich bei mir wohl durch die Europa-Konzerte der Thievery Corporation im Oktober 2008 eingenistet. Ein Bericht über die Konzerte in Bukarest, London und Lissabon schien mir die jedes Jahr wiederkehrende Frage zu beantworten: Was machst du eigentlich Silvester?! Die Frage war aber nicht an mich selbst gerichtet, sondern (eher) unausgesprochen, aber selbstverständlich und üblich an meine Freunde. Da der Flug günstig bleiben sollte, entschied ich mich, vom 02. bis zum 05. Januar zu reisen. Silvester fand dann in Hannover bei Freunden statt.

Jetzt bin ich hier und sage: Lissabon ist eine Stadt, die diesen Namen noch verdient. Denn Städte dürfen nicht zum Selbstzweck werden; sie müssen wachsen und können nicht einfach am Reißbrett entworfen werden. Der Charakter und das Erscheinungsbild einer Stadt bilden sich auch aus der Mentalität und dem Charakter ihrer Einwohner. All dem und noch vielem mehr entspricht Portugals Hauptstadt.

Dabei habe ich mich aber auch gefragt: Was heißt Lissabon (Lisboa) eigentlich?! Der Reiseführer spricht auch von der „weißen Stadt“, die von den Phöniziern um 1000 v. Chr. ‚Liebliche Bucht‘ (Alis Ubbo) genannt wurde. Römer (sie nannten die Stadt Olissipo), Germanen, Goten und Mauren eroberten Lissabon wechselweise. Da ich zum ersten Mal auch bei Nacht hier bin, gefällt mir natürlich auch der Titel Stadt des Lichts. Alles klar?

Ansonsten mache ich mir mit dem Moleskine City Notebook wieder meinen eigenen Reiseführer. Habe mir heute auch schon die Finger wund geschrieben. Marschroute heute (von 12 bis 18 Uhr): Rua da Madalena, Castelo S. Jorge, Miradouro d. S. Luzia, Alfama, entlang am Tejo mit seinen Hafen- und Gleisanlagen zum Cémiterio do Alto do Sao Joao, über die endlose Rua de Morais Soares zum Praca do Chile, durch die Rua Pascoal de Melo, vorbei am Jardim Constantino durch Estefânia und Anjos zum wunderbaren Campo dos Mártires da Pátria (mit Rebhühnern!); von dort zum Jardim do Torel, hinunter über die Calcada do Lavra zur Avenida da Liberdade. Dann der gleiche Weg wie gestern Abend: Rua d. Portas d. Santo Antao, vorbei an der Ingreja de Sao Domingos und durch die Rua de Barros Queiros zurück zum Hotel Mundial an der Ecke Rua da Palma und Praca Martim Moniz. Auf dem Weg heute habe ich ein tolles kleines Hotel am Fuße des Castelo S. Jorge entdeckt (Hotel Solar dos Mouros). Dort möchte ich das nächste Mal bleiben.

Tipp des Tages: Der Aussichtspunkt (sog. Miradouros) im Jardim do Torel (Rua Julio de Andrade, in der Nähe des Ascensore de Lavra) sowie der „Garten“ selbst. Sensationeller kleiner Park, der unter Palmen einen tollen Blick über die Dächer in Richtung Westen und in Richtung Süden zum Fluss bietet.

Übrigens: Reiselektüre ist seit Ende 2008 Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier. Passt nicht nur, sondern ist ein Muss für jeden, der/die Romane liebt.