Kalter Asphalt


Zwischen der A7, Ausfahrt Schnelsen Nord (bei IKEA) und dem Flughafen gibt es eine Rechtskurve, vor der oft (unnötig) gebremst wird. Gut 100 Meter vor der Ampel werden aus zwei kurzfristig vier Spuren. Links geht es nach Norderstedt und Poppenbüttel, rechts – im weiteren Verlauf der Straße – zum Flughafen Hamburg. Die Ampel Richtung Fuhlsbüttel ist vor der Kurve zugegebenermaßen nicht optimal einzusehen. Dennoch.

Ich bin auf der linken Spur und setze quasi zum Überholen an, als ich auch schon wieder bremsen muss. Ein Auto nach dem anderen wechselt die Spur, und ich mache ein Taxi mit eingeschaltetem Warnblinklicht als Hindernis vor mir aus. Ich wechsele ebenfalls die Spur und sehe einige kleinere Plastikteile auf der Fahrbahn rechts vom Taxi und auch davor.

Dann sehe ich den Grund für die Betriebsaufgabe: Ein junges Reh liegt etwa fünf Meter vor dem Taxi und zuckt mit verzweifeltem Blick in unregelmäßigen Abständen mit Augen voll von Agonie. Ich möchte weinen, bringe aber nur ein paar trockene und abgehackte Schluchzer aus. Ich friere plötzlich, was nichts sein dürfte gegen die Kälte im Herzen des Tieres.

Ich zwinge mich loszulassen, was sich als recht schwierig erweist. Beim Blick in den linken Außenspiegel kann ich den Atem des Tieres sehen, der wie ein Dampfstrahl über den kalten Asphalt geschoben wird. Dort endet ein Leben vor meinen Augen und ruft mir ins Bewußtsein, warum Verkehrsschilder „Wildwechsel“ aufgestellt werden.

Simples wie geniales Zitat des neuen Literatur-nobelpreisträgers

In der Süddeutschen Zeitung vom 10. Oktober ist die Übersetzung eines vielsagenden Interviews mit dem frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers J.-M. G Le Clézio zu finden. Online sind nur Auszüge aus dem Gespräch veröffentlicht. Bemerkenswert einfach wie genial empfand ich die folgende Aussage:

„Das Ausdrucksbedürfnis, etwas in sich zu haben, das hinaus muss, ist die einzige Rechtfertigung für Literatur. Ansonsten ist der Film ein besseres Erzählmedium, und die Musik ist ergreifender, und die Malerei ist deutlicher.“

Trip to Brussels (1): Früher war doch alles besser

Das Wetter am heutigen Samstag ist wie bestellt, knapp 20 Grad, mehr Sonne als Wolken, und ich mache mich kurz nach Mittag auf den Weg in die Stadt, zu Fuß versteht sich. Unterwegs reift der Vorsatz, am Nachmittag im Zentrum für 24 Stunden einen Smart zu mieten. Guter Plan – schwierige Ausführung! Wie sich vier Stunden später an der Reception im Hilton in der Waterloostraat und am Gare du Midi herausstellt, kann man am Wochenende in Brüssel nur am Flughafen einen Mietwagen in die Finger kriegen. Klasse, denke ich, da wäre ich vom Mariott Courtyard in knapp 20 Minuten hingekommen, zu Fuß in einer Stunde. Wäre…

Andererseits: Das Auto sollte ja auch Belohnung für den üppigen Fußmarsch sein, also trotz Hunger, Durst und müden Füßen alles im grünen Bereich. Wie sich am Flughafen bei Sixt dann herausstellt, kostet der Smart soviel wie in Hamburg einer für drei Tage. Was soll’s, wir ham’s ja, immer raus damit…!

081011_Bruxelles_Rue Voltaire

Am Sonntag morgen bin ich dann (mal wieder) aus dem Bett gefallen. Daraufhin ziehe ich mir doch gleich die Laufklamotten an, setze mich in den Smart und fahre zum Parc de Bruxelles. Leichte Nebelschwaden ziehen durch die Straßen, und für die Strecke zum Park brauche ich statt der üblichen 20 bis 25 Minuten nur gut fünf. Ich laufe die erste Runde in acht, die zweite in sechseinhalb und die dritte Runde in sechs Minuten. Ich schätze die Distanz etwa auf eine englische Meile (1,6 km). Die vierte Runde ist keine Runde mehr, sondern ein Lauf kreuz und quer durch den Park, dorthin, wo ich noch nicht gewesen bin. Als ich in Längsrichtung auf einen runden Teich zu laufe (Pl. d. l. Nation), wird mir schlagartig klar, warum ich hierher gekommen bin, und mir Brüssel so gut gefällt.

Früher hatten die Menschen viel weniger (technische) Möglichkeiten, um etwas zu erreichen, errichten oder zu gestalten. Dieser Umstand konnte nur durch Leidenschaft, Persönlichkeit, Einsatz, Herzblut und weitere Attribute dieser Art kompensiert werden. Heute fehlt ja den meisten bereits die Erlebnisfähigkeit, weil wir nur noch durch einen Entertainment- und Animationsparcours hetzen, und uns nicht mal die Zeit nehmen, uns ausführlich und in Ruhe einer Sache zu widmen. Der ganze Kulturkreis der Benelux-Länder – man denke allein an Maler wie Rembrandt, Rubens, Renoir etc. – zog plötzlich vor meinem geistigen Auge vorbei. Ich bin kein Technikfeind – don’t get me wrong! Aber High-Tech ist immer als Ergänzung oder Farbtupfer am besten, niemals als Selbstzweck.

Früher war eben doch alles, nein, vieles besser. Soundtrack dieser Tage: Radio Retaliation von Thievery Corporation. Peace!

Übrigens, mein Lieblingsplatz in Brüssel: Place du Petit Sablon. Hammer!

Bonsoir Bruxelles!

Bin heute das erste Mal in Brüssel. Was ich bisher gesehen habe (auf einem einstündigen Spaziergang), hat mir sehr gut gefallen. Gestern hatte ich mir noch im Büromarkt meines Vertrauens (Hansen im Schulterblatt) ein City Notebook von Moleskine für die belgische Hauptstadt gekauft. Zur Orientierung reicht das kleine schwarze Büchlein allemal; kulinarische oder andere Tips sucht man aber vergeblich. Ein Freund hatte mir gestern noch aus der Reihe Reise Know how einen Reiseführer empfohlen.

Bruxelles - View from hotel room_1

Wenn man mal von den Gewohnheiten der Autofahrer hier in Belgien absieht, freue ich mich auf das sonnige Wochenende hier. Aus meinem Hotelzimmer habe ich eine sehr schöne Aussicht. Das Atomium ist in Sichtweite. Morgen geht’s dann nach dem Frühstück richtig auf Entdeckungstour. Allez!