Medien 2.0

Gestern Abend fand in der Bucerius Law School ein media coffee von news aktuell statt. Nach einem so genannten Business- Frühstück, an dem ich am Morgen zum Thema Prokura teilnehmen konnte, war auch hier zumindest der Rahmen juristischer Natur. Zur Information für den geneigten Leser: Ich darf und kann mich mit dem Titel Diplom-Jurist schmücken. Mit anderen Worten: nach dem 1. Staatsexamen war Schluss. Für mein Wesen zu wenig Raum für Kreativität und geistigen Tiefgang ohne Haarspalterei. Ich zitiere Alfred Biolek (zumindest sinngemäß): Ich habe Jura studiert, aber ich bin kein Jurist.

Die 90minütige Podiumsdiskussion im Audimaxx der Privaten Hochschule stand unter dem Titel „Von der Edelfeder zum Contentlieferanten? – Printmedien im Wandel“. Ganz frische Eindrücke finden sich übrigens im media coffee blog. Die Referenten waren sehr gut ausgewählt und vertraten TV, Print, Online, Nachrichten-Agentur und Journalistenschule. Und sie sind im einzelnen genauso aufgetreten, wie das vom Lebenslauf und dem von ihnen vertretenen Medium her zu erwarten war.

Kuno Haberbusch, ehemaliger Panorama-Redaktionsleiter, jetziger Leiter von Zapp – Das Medienmagazin und „einer der Köpfe von netzwerk recherche“ deckte wohl die größte Bandbreite ab, sowohl in seinem Werdegang, als auch in seinen Ausführungen. Der Mann vom SPIEGEL, Holger Stark („vielen Dank, dass Sie zwischendurch zu uns gekommen sind, sie werden ja schon wieder in Heiligendamm erwartet“) kommunizierte so unaufgeregt und sympathisch, dass das ohnehin zu niedrig angebrachte Ansteck-Mikrophon wohl kurz unterhalb seines Kehlkopfes richtig positioniert gewesen wäre. Neben ihm der auch nicht unsympathische, aber aus der Natur der Sache heraus etwas zu bemühte Frank Thomsen von stern.de. Er musste natürlich erstmal erklären, wie und vor allem wann sein Medium denn SPIEGEL online zu überholen gedenke. Rechts von ihm aus Zuhörersicht dann die Abteilung geschmeidig bis aalglatt, mit zu stark zur Schau gestelltem Selbstbewußtsein: Jan-Eric Peters, Gründungsdirektor der Axel Springer Akademie in Berlin. Springer eben. Last but not least, Dr. Wilm Herlyn, seines Zeichens seit 1991 Chefredakteur der dpa in Hamburg. Annette Hillebrand, Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg, moderierte die Runde so souverän wie kurzweilig.

Die bisweilen zu gemütlich wirkende Wohnzimmer-Runde wurde immer dann etwas zum Rhythmuswechsel bewegt, wenn das Publikum beteiligt wurde. Die Veranstaltung stand zwar nicht gänzlich im Zeichen von Web 2.0, aber Themen wie Weblogs, Podcasts, Online-Journalismus, Click-Raten und eben Content standen doch stets unverrückbar im Raum.

Ich erinnere mich an eine Abendveranstaltung der DPRG Landesgruppe Nord in Hamburg im November 2005. Thema Weblogs als PR-Instrument, Referenten: Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland (mit Hexenschuss!), und Björn Ognibeni, Berater. Keuchel prophezeite, dass ähnlich wie vor 10 Jahren, als die Firmen die Notwendigkeit einer eigenen Website in Frage stellten und dann eines besseren belehrt wurden, dies ebenso im gleichen Zeitraum für Weblogs zu erwarten sei.

Die mögliche Zurückdrängung und/oder Entwertung des bisher bestehenden Journalismus, egal ob Online oder Print, durch den so genannten grassroot journalism der Blogger wurde sowohl auf dem Podium als auch im Publikum unterschiedlich eingeschätzt. Haberbusch stellte gelassen fest, dass sich sowieso nur gute Qualität am Ende durchsetze und die sei immer willkommen.

Die Filter-Funktion der Journalisten in der Informationsvermittlung wird durch die neuen Medien sicherlich nicht erleichtert. Meiner Meinung nach wird die Monopol-Stellung von Google im Internet früher oder später enden, was sicherlich nicht unvorteilhaft wäre. Haberbusch verlangte von Google mehr Offenheit in der Kommunikation und vor allem Transparenz. Abgesehen davon, dass im Silicon Valley (und sicherlich auch anderswo) fleissig an neuen Suchmaschinen-Techniken gearbeitet wird, ist vom technischen und funktionellen Standpunkt her Google ohnehin nicht die Nummer 1. Das mag zwar noch für die web-basierten Suchmaschinen gelten, nicht aber für Suchmaschinen-Software. Hier liegt das Programm DEVONagent deutlich in Führung. Kontext-Suche, Ergebnis-Filter und Aufteilung in Ordner und Hierachien lassen schön grüßen. Bisher nur für Apple-Rechner erhältlich. Leider. Allerdings bin ich da nicht mehr auf dem neuesten Stand. Sollte es mittlerweile auch für PCs erhältlich sein, so teile man mir das gerne mit!

Auf die unvermeidbare (und natürlich von Haberbusch angesprochene) Thematik Verhältnis von PR und Journalismus möchte ich hier gar nicht lange eingehen. Nur soviel: Das von Haberbusch mitgestaltete netzwerk recherche war mir jedenfalls nicht unbekannt. Ich habe seit über zwei Jahren ein Abo der vierteljährlich erscheinenden Fachzeitschrift für Journalismus message, in der regelmäßig und durchaus ausgewogen zu diesem Spannungsfeld Stellung genommen und berichtet wird. Es sei gestattet, einen Vergleich aus dem Automobilbau auf das Thema Recherche zu übertragen: Mehr Hubraum ist durch nichts anderes zu ersetzen als durch mehr Hubraum. Das gilt sicherlich auch für die Recherche. Dass Journalisten jedoch mit jedem Tag ein größeres Zeitdefizit bei ihrer Arbeit begleitet, und daher (gerne) auch auf PR-Material zurückgegriffen wird, bedeutet jedoch nicht, dass PR-Arbeit grundsätzlich so verächtlich wie von Herrn Haberbusch betrachtet werden muss. Von den spin doctors nach amerikanischem Muster sind wir hier doch – Gott sei Dank – (noch) ein gutes Stück entfernt.

Mit einem Ausblick auf die Zukunft wurden die Diskussionsteilnehmer dann um 19.40 Uhr entlassen. Fazit: Die Sinneseindrücke bei der Nutzung von Medien, insbesondere aus dem Print-Bereich werden das Rennen zwischen Online und Print noch Lange offen halten, jedenfalls aber dafür sorgen, das Zeitungen und Magazine nicht so schnell aussterben werden.

Dann durfte auch der Mann vom SPIEGEL wieder nach Heiligendamm zurück. Wir wissen nicht, ob er auch dort noch nette Gespräche bei Wein, Schnittchen und Mini-Wraps führen konnte. Wir hoffen es für ihn.