Zeit

Momentan läuft mir die Zeit davon. Das stimmt so – aus vielen Gründen. Wenn ich auf meine Armbanduhr sehe, dann rast sie sogar. Das liegt dann aber am Alter der Uhr. Eine Citizen-Taucheruhr, die ich im Oktober 1996 gekauft habe. Normalerweise, so sagte mir der Fachmann im Alsterhaus, macht man bereits nach fünf Jahren das, was ich jetzt dringend erledigen lassen müsste: Eine so genannte Generalrevision. Kostet 100 EU und bedeutet, dass die Uhr in ihre sämtlichen Einzelteile zerlegt und gereinigt wird. Bei einem Neupreis von 170 EU überlege ich dann schon, ob sich das noch lohnt.

Jedenfalls ist diese Halbautomatik-Uhr zuletzt dreimal stehen geblieben, ohne dass sie auch nur durch irgendetwas wieder in Bewegung zu setzen war. Und: sie geht teilweise innerhalb von zwei Stunden bis zu 30 Minuten vor. Das sind dann doch schon zwei Extreme, entweder steht die Zeit still oder sie läuft davon.

Heute ist der Großteil der Stunden und Minuten im Büro liegen geblieben. Das ist an sich nicht besonders erwähnenswert. Es sei denn, …man kann ganz allein entscheiden, wann Schluss ist. Doch obwohl dem so ist, verstreicht Minute um Minute. Kein Projekt, keine Präsentationsvorbereitung, keine sonstige Deadline. Einfach nur Arbeit, die erledigt werden muss – früher oder später. Heute also früher und dennoch spät.

Der ganze Tag diente eigentlich nur dazu, um herauszufinden, wie oft man ohne Verschleißerscheinungen das Wort Scheiße! zum Besten geben kann. Wenn ich nicht so unbedarft der großen Sanduhr zugesehen hätte, wäre ich sicherlich deutlich früher aus dem Büro geflüchtet.

Es gibt aber auch genügend Tage im Jahr, an denen die Zeit nur ein Gefängniswärter ist. Womit wir uns langsam ihrem Wesen nähern. Was ist Zeit? Nur ein Empfinden? Eine Maßeinheit? Eine Medizin? Eine Aneinanderreihung von Ereignissen? All das zusammen? Oder am Ende nur ein Wort mit vier Buchstaben?

Wir können mit ihr leben oder gegen sie. Manchmal brauchen wir ein Management, um sie bestmöglich zu nutzen. Die Frage ist, ob wir das dann nur an den erledigten Dingen oder auch woanders dran messen können. Jetzt brauche ich sie zum Schreiben und auch heute ist damit wieder verbunden, dass ich eigentlich zehn Dinge gleichzeitig machte möchte. Es ist klar, dass die Hände am Ende des Tages dann eher leer bleiben.

Man kann Zeit aber auch wunderbar musikalisch umsetzen. Ich habe gerade Time von Roachford vom Album Feel angestellt. Er singt:
EVERYTHING TAKES TIME
THE ONLY WAY THE FEELING IS GOOD ENOUGH
IS WHEN WE TAKE A LITTLE TIME
THE ONLY WAY THAT WE CAN GET HIGH ENOUGH
IS WHEN WE TAKE A LITTLE TIME
.

Any questions?

Am Ende ist die Zeit wohl doch nur eine schweizer Erfindung. Sonst wären ja diese schönen, teuren Uhren nur bedingt nützlich. Man stelle sich vor: Keine Kuckucksuhren, keine Zifferblätter an Kirchtürmen, U-Bahnen kommen irgendwann an, Züge fahren irgendwann ab. Wie würden wir Termine machen, Verabredungen fixieren und verhindern, dass wir ständig den Anfang von etwas verpassen?

Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen, sonst läuft mir nicht nur die Zeit, sondern auch die heutige Folge von Grey’s Anatomy davon, z. Zt. die einzige Serie, die ich – abgesehen von Magnum auf DVD – regelmäßig ansehe. Obwohl, das könnte sich in Kürze ändern, da ich mir am Wochenende die erste Staffel von Weeds (Kleine Deals unter Nachbarn) gegönnt habe. Die Folgen haben zwar nur Sitcom-Länge, aber das hat dann wenigstens den Vorteil, dass ich etwas Zeit sparen kann. Oder?

Die Wahrheit ist natürlich, dass ich in der Zwischenzeit immer noch schreibe und nebenbei der Fernseher läuft. Zeit für ein Ende.